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Erkenntnis

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Zur Alltagskunst

Und es gibt kein naturwissenschaftliches Arbeitsgebiet, von der Medizin bis zur Physik, von der Entomologie bis zur Plasmaforschung, dem nicht neben dem Erkenntnisdrang auch noch ein vages ästhetisches Motiv unterlegt würde. Daß es auf ewig vage bleiben müsse, daß der Untersuchung des sogenannten Schönen im System unserer Natur-Erkenntnis kein Platz zukomme, gehört zu den aprioristischen Annahmen der Wissenschaft. Diese Annahme ist falsch. Das Werk des Weltenbaumeisters – wer immer er auch gewesen sein mag und noch ist, ob ein Gott oder ein vom Nichts ins Nichts führender physikalischer Prozeß – darf in gleicher Weise Gegenstand formaler Betrachtung sein wie ein vom Menschen geschaffenes Kunstwerk. Ein Gebirgszug, der Verlauf einer Küstenlinie, die Gestalt eines Vogels, die Verteilung und Färbung einer Flechte auf einem Felsen sind ebenso das Ergebnis von Form-Prozessen wie die Kathedrale von Chartres oder ein Bild von Cézanne, und diese wie jene lösen die gleichen psychischen wie mythischen Erfahrungen aus*.


*Alfred Andersch. Hohe Breitengrade. Zürich 1984

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Made oder nicht Made. Ist das die Frage?

Erde Apfel SingularitätrvCWenn man herzhaft in einen saftigen Apfel beißt und eine Made vorfindet, so ist das Vergnügen getrübt. Schlimmer noch ist es, wenn nur noch eine halbe Made nach dem Biss im Apfel zappelt. Je kleiner der Rest der Made, umso größer der Ekel angesichts des größeren gegessenen Teils der Made. Am schlimmsten wäre es in weiterer Verfolgung dieses Gedankens, wenn von der Made überhaupt nichts mehr zu finden wäre. Doch halt, kann es in diesem Fall nicht so sein, dass überhaupt keine Made im Apfel war und ich mich grundlos gräme?
Mathematisch gesprochen haben wir es hier mit einem Problem einer singulären Grenze zu tun: Obwohl sich der Fall eines verschwindend kleinen Stücks der Made, quantitativ so gut wie gar nicht von dem Fall unterscheidet, dass von einer Made nichts vorgefunden wird, sind beide Fälle qualitativ völlig verschieden. An solchen singulären Punkten kann eine kleine Ursache – der winzige Rest einer Made – eine große Wirkung haben, indem das Gefühl, ein unversehrtes Stück Apfel gegessen in den Ekel kippt, eine ganze Made verschlungen zu haben.

In der Physik und Mathematik kommen solche Grenzpunkte an verschiedenen Stellen vor und der Umgang mit ihnen stellt im Allgemeinen eine größere Herausforderung dar. Die wohl berühmteste Singularität ist der Zustand des Universums beim Urknall. „Sein oder Nichtsein“ bzw. „Made oder keine Made“ das ist hier die Frage.

Zur physikalischen Dimension des Apfels

Apfel-als-Erde„Doch einmal brachte das meilenweit gereiste Familienhaupt vom Markt ein solch Naturgeheimnis mit von der Borsdorfer Art. Mit hochgeröteter Wange, mit schwarzem Butzen schalkhaft lächelnd und edlem Rund sanft geschmeidig nach beiden Polen sich dehnend, wie der große Euler, Neuton und Kopernikus das Weltenall beschreibt. – Warum soll nicht der Apfel nachahmen in seinem Rund, was jedem Geschöpf die Aufgabe ist des Werdens? – So zahlte das weltabgeschlossene Kindesherz mit der Sehnsucht verzehrendem Feuer in der Beschauung des Apfels den Tribut dem Geistesideal der Natur. – Dies brachte den kleinen Erdenwaller bald zu seiner Reise Ziel. Das innere Ideal steigerte seiner Begeisterung Flut; nirgend in der Wüste fand er, wo sie könne an sanftem Ufer sich ebnen: sie brauste hin in die Ewigkeit mit doppeltem Pulsschlag“ (Achim von Arnim (1781 – 1831): Dies Buch gehört dem König).
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