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Fließen

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Strukturbildung beim Wasserfall

Alle Gegenstände und Medien, also auch Wasser, tendieren dazu die unter den gegebenen Umständen mögliche tiefste Lage einzunehmen. Dahinter steckt das natürliche Prinzip (2. Hauptsatz der Thermodynamik), soviel Energie wie möglich an die Umgebung abzugeben. Das Ergebnis wäre eine ebene Wasseroberfläche. Aber dazu kommt es im vorliegenden Fall gar nicht erst, weil der Behälter eine Öffnung hat, durch die das Wasser der gleichen Tendenz folgend in das nächst tiefere Becken fällt.
Aber selbst beim Fallen des Wassers gibt es eine Möglichkeit, Energie an die Umgebung abzugeben, indem die Oberfläche, zu deren Ausbildung verhältnismäßig viel Energie nötig ist, verkleinert wird. Doch auch dieser Prozess bleibt im Ansatz stecken, denn inzwischen hat das Wasser ein noch tieferes Becken erreicht.
Aber man kann immerhin erkennen, dass die fallende Schicht sich nach unten hin zusammenzieht mit der Tendenz Zylinderform anzunehmen. (Auch dazu würde es nicht kommen, wie ich in einem früheren Beitrag gezeigt habe).
Der nahezu freie Fall der Wasserschicht wird modifiziert durch Einflüsse der Ränder. Die sich beim schrägen Anstrom auf die Öffnungen aufwölbenden Wasserströme tendieren dazu, aus Trägheit ihre Richtung beizubehalten und führen in der unteren größeren Schale dazu, sich zu überkreuzen bevor sie abermals gestoppt werden und sich im Becken verwirbelnd zur nächsten Öffnung bewegen. Alle diese Vorgänge werden durch individuelle Einflüsse von Unregelmäßigkeiten an den Rändern u.Ä. überlagert und entsprechend modifiziert. Auf diese Weise entstehen naturschöne Wasserstrukturen.

Wirbel allenthalben

Ich bin immer wieder von Strukturen begeistert, die in völlig unterschiedlichen Kontexten vorkommen. In diesem Blog habe ich das Thema schon öfter angesprochen und dokumentiert. Trotzdem möchte ich hier noch einmal zwei Wirbel aus völlig anderen Bereichen und von sehr unterschiedlicher Größe zeigen.
Links ein Wirbel, wie man ihn auf einer Seifenblase sehen kann, wenn die dünne Wasserschicht, aus der der Seifenfilm besteht, leicht angeblasen und dadurch verwirbelt wird.
Rechts haben wir ein größeres Wasserbecken als Blickfang etc. in einer Stadt, in dem man Wasser wie im Abfluss einer Badewanne verschwinden sieht, so als wollte es zu guter Letzt noch einen eleganten Kratzfuß hinlegen.

Sonnenbildchen auf bewegtem Wasser

In der Natur bedarf es nicht viel, um ästhetisch ansprechende Strukturen hervorzurufen. Hier ist es ein Ausschnitt aus einem kleinen, flachen Bach, in dem durch kleine Störungen Kapillarwellen ausgelöst werden, die wie optische Linsen wirkend, den Boden abbilden. Die durch die endliche Belichtungszeit der Kamera gegebene Bewegungsunschärfe sorgt für kleine Verzerrung des bewegten Wassers. Die dadurch gegebenen Strähnen sorgen für eine künstliche Beigabe, die das Foto zu einem künstlerischen Strukturbild werden lässt. Der naturschöne Aspekt geht dadurch aber in keiner Weise verloren.
Auffallend sind die zahlreichen Sonnenbildchen, die für den Moment der Aufnahme auf gleichsinnig orientierte Oberflächenelemente der bewegten Wassers verweisen. Sie sind hier für einen Augenblick stillgestellt und versehen das Szenario mit blendend hellen Lichtaugen.

Verholztes Fließen

Die besonders in alten Brettern zu sehenden angeschnittenen Holzfasern erwecken bei mir oft den Eindruck, als handele es sich um Stromlinien eines fließenden Gewässers. In diesem Foto drängt sich mir zudem der Eindruck auf, als würde ein im Strom schwimmender Stab durch die Strömung in eine widerstandsärmere Richtung gedreht. Dabei hatte ich das Foto eigentlich wegen seiner morphologischen und farblichen Ästhetik gemacht.

Die Verfärbungen sind dem Alter des Holzes geschuldet: Ausblühungen von Harz und Verfärbungen, dessen Ursprung ich nicht ermitteln konnte.

Strömungen mit Pareidolien

Das Leben ist ein ständiges Fließen, das wir anzuhalten und in dauerhafte und festgelegte Formen zu bringen versuchen, und zwar innerhalb wie außerhalb von uns; denn wir selbst sind schon feste Formen, Formen, die sich zwischen anderen unbeweglichen Formen bewegen und deshalb dem Fluß des Lebens folgen können, bis er immer starrer wird und schließlich seine schon allmählich verlangsamte Bewegung ganz aufhört. Die Formen, mit denen wir in uns dieses beständige Fließen anzuhalten und festzulegen suchen, sind die Begriffe, die Ideale, denen wir treu bleiben möchten, sowie alle von uns geschaffenen Phantasiebilder, die Lebensumstände, die Stellung, in der wir uns einrichten möchten. Aber der Lebensfluß fließt in uns, in dem, was wir Seele nennen und was das Leben in uns ist, ständig weiter, nicht klar bestimmbar, unterhalb der Dämme und der Grenzen, die wir ihm aufzwingen wollen, indem wir uns ein Bewußtsein bilden und uns eine Persönlichkeit aufbauen. In manchen stürmischen Augenblicken stürzen allerdings alle diese unsere Formen unter dem Ansturm der Flut erbärmlich in sich zusammen. Aber auch der Teil des Flusses, der nicht unterhalb der Dämme und Grenzen dahinströmt, sondern den wir deutlich erkennen und den wir sorgfältig in die Kanäle unserer Gefühle, der Pflichten, die wir uns auferlegt haben, und der von uns selbst uns vorgezeichneten Gewohnheiten geleitet haben, schwillt manchmal so an, daß er über die Ufer tritt und alles über den Haufen wirft in der Natur.*


* Luigi Pirandello. Der Humor. In: Caos. Mindelheim 1987, S. 41f

Der Kamm im Bach…

Der Bach fiel einmal mitten im Wald über einen Stein so, daß er aussah wie ein großer silberner Steckkamm.*

Vielleicht hat Robert Musil (1889 – 1942) einen solchen silbernen Kamm gemeint, dessen fluide Zinken im Zentrum des Fotos, zwar etwas verbogen und zittrig sind, aber immerhin gut genug für eine Pareidolie. Mit etwas Glück findet man im Vordergrund auch noch ein vierblättriges Kleeblatt, ebenfalls fluide, aber vielleicht gerade deshalb Glück bringend.

 


* Robert Musil. Drei Frauen. Reinbek: Rowohlt 1994, S. 20

Wellenlandschaften – Sandwellen

Sandwellen (Sandrippel) werden wie Wasserwellen vom Wind erzeugt und in Bewegung gehalten. Anders als die Wasserwellen gehen sie jedoch in einen Dornröschenschlaf über, solange der Wind eine Ruhepause einlegt. Das ist dann die Zeit, die vielfältigen oft ästhetisch ansprechenden Muster zu bewundern. Oft sind diese so schön, dass ich kaum darauf zu treten und darüber zu gehen wage.  Doch der nächste Wind kommt bestimmt und bringt Ähnliches wenn auch nicht dasselbe wieder hervor. Deswegen wird es mir nie langweilig, durch Dünenlandschaften zu wandern.
Die Ähnlichkeit der Sandrippel mit Momentaufnahmen von Wasserwellen ist erstaunlich, hat man es doch mit völlig unterschiedlichen Medien zu tun: In einem Fall mit einer Flüssigkeit und im anderen mit einem Festkörper in Form winziger Steinchen, die sich weder anziehen noch abstoßen aber dennoch gemeinsam in subtiler Kooperation etwas Naturschönes hervorbringen. Auch wenn das Fließen und Strömen beiden Substanzen gemein ist, verdankt sich die Entstehung der Wellen  unterschiedlichen physikalischen Mechanismen.

Fließwassergemälde

Nach dem Regen regen sich auch wieder die in der hinter uns liegenden Trockenzeit verschwundenen Bäche. Sie sind wieder da, tauchen an bestimmten Stellen des Berghangs zunächst nur in Form einer kleinen Pfütze, dann aber bergabwärts immer größer werdend wieder auf, sodass man mit Recht von Bächen sprechen kann.
Und sie bringen auch gleich wieder das insbesondere bei Sonnenschein beeindruckende  Phänomen mit sich, in dem der profane Untergrund in ein veritables Kunstwerk umgestaltet erscheint: Man blickt durch das strömende Wasser, sodass das vom Untergrund ausgehende Licht ständig in andere Richtungen gebrochen wird und infolge der Belichtungszeit der Kamera auch noch strähnenförmig verfremdet wird. Natur und Technik spielen hier in ästhetisch produktiver Weise zusammen.

Flachdacharchitektur – ein Kampf gegen die Schwerkraft

Die Idee des geneigten Daches ist von Anbeginn an in der Architektur präsent. Selbst die Schornsteine werden/wurden liebevoll mit Schindeln belegt und gepflegt. Man stelle sich nur vor, wie aufwändig es ist, eine defekte Schindel an einem hohen Schornstein zu ersetzen. Geneigte Dächer sind eine ebenso natürliche wie geniale Möglichkeit, Wasser zu kanalisieren. Nur viele Architekten des 20. Jahrhunderts und danach meinten eine bessere Idee zu haben, indem sie das ebene Flachdach einführten.
Nicht nur dass dadurch die Weiterlesen

Fließender Schatten

Obwohl Schatten nur Löcher im Licht sind, gibt es Situationen, in denen er uns wie eine dunkle Flüssigkeit vorkommt (siehe Foto). Diese Flüssigkeit scheint sogar die Fähigkeit zu haben, der Schwerkraft trotzend auf der einen Seite der Düne bergauf zu fließen, um sich dann in den durch die Sandrippel geformten Rinnen auf der anderen Seite wieder hinabzuschlängeln :-).

 

Ein ausgegossener roter Teppich

Der griechischen Tragödie „Agamemnon“ zufolge, soll sich König Agamemnon zunächst geweigert haben, nach der siegreichen Heimkehr in seine Heimatstadt Mykene über einen roten Teppich in sein Haus zu gehen, um die Götter nicht zu verärgern. Er tat es schließlich doch und wurde wenig später von seiner Frau Klytämnestra und deren Geliebten Ägisth mit der Axt erschlagen. Weiterlesen

Züngelnde Wasserflammen am Strand

wasserflammen_rvWie jeden Tag hatten ihn seine Schritte zum offenen Meer geführt. Sein Blick war vor ihm auf den Boden gerichtet, wo das abfließende Wasser züngelnde Flammen in den Sand gezeichnet hatte. Die Rinnsale, am Ende fadendünn, mündeten in immer beitere Verästelungen, in den weiten, lodernden Flächenbrand des Ozeans…
Lass die Wasserflammen brennen, lass die Wasserflammen brennen. Einmal sagt das Feuer: Es ist gut.*
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Wenn die Zeit zum Tempo wird

Schlichting, H. Joachim. Physik in der Schule 33/4, 158 (1995).

Die „physikalische“ Zeit fließt per definitionem gleichförmig. Dies steht im Widerspruch zu dem Gefühl der Menschen, daß die Zeit unterschiedliche „Geschwindigkeiten“ annehmen kann. Wie schnell soll die Zeit vergehen? Mal möchte man, daß die Zeit stehenbleibt: „Verweile doch, du bist so schön…“, mal weiß man mit ihr nichts anzufangen. Dann schlägt man sie einfach tot, indem man sie mit sinnlosen Tätigkeiten verbringt.

PDF: Wenn die Zeit zum Tempo wird

Alles fließt

Schlichting, H. Joachim. In: Physik in der Schule 33/2, 78 (1995).

In diesem Rätsel erscheint die Zeit als ein „Alles fließt“, als etwas bereits Vergangenes oder etwas Zukünftiges, nicht aber als etwas Gegenwärtiges. Sie betrügt den Menschen insofern um seine Zeit, als immer dann, wenn der Mensch sich eines Augenblicks bewußt wird, dieser bereits vergangen ist, oder er auf einen Augenblick in der Zukunft hinlebt, der sich ihm in dem Maße entzieht, wie
er sich ihm nähert.

PDF: Alles fließt

Zeit als „Fachwerk“

Schlichting, H. Joachim. In: Physik in der Schule 32/,10 (1994).

… Mit den Vorsokratikern beginnt die Entpersonifizierung der Zeit. Die Götter werden zunehmend zu empirischen Gegebenheiten. Dabei tritt zunächst die Flußmetapher in den Vordergrund, der Vorstellung also, daß „Alles fließt“…

PDF: Zeit als „Fachwerk“

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