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Gedicht

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Nasses Gras ist mehr als das

tautropfen_fruehling_img_018Über viele Jahre
und unter großen Kosten
reiste ich durch zahlreiche Länder,
sah die hohen Berge,
die Ozeane.
Nur was ich nicht sah,
war der funkelnde Tautropfen
im Gras gleich vor meiner Tür

Rabindranath, Tagore (1861 – 1941)

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Der Juli

Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.
Die Menschheit geht auf Reisen
oder wandert sehr oder wandelt nur.
Und die Bauern vermieten die Natur
zu sehenswerten Preisen.

Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum Verlorenen Paradiese.

Im Feld wächst Brot. Und es wachsen dort
auch die künftigen Brötchen und Brezeln.
Eidechsen zucken von Ort zu Ort.
Und die Wolken führen Regen an Bord
und den spitzen Blitz und das Donnerwort.
Der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.

Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit
überdauert sogar die Ferien.

Sie weiß auch: Einen Steinwurf schon
von hier beginnt das Märchen.
Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn,
ruht ein zerzaustes Pärchen.
Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn.
Hier steigen und sinken die Lerchen.

Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluß
des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.

Erich Kästner (1899 -1974)

Sie war ein Blümlein…

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing. Weiterlesen

Der Juni

Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.

Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.
Weiterlesen

Anhängliche Schönheiten

Wer sind die tausendmal tausend,
wer die Myriaden alle,
Welche den Tropfen bewohnen,
und bewohnten?
und wer bin ich?

Aus: Die Frühlingsfeier von Friedrich Gottlieb Kloppstock (1724 – 1803)

Buschwindröschen

Die Buschwindröschen, die hier mannigfach
in einem Blütenteppich Bäume säumen,
die in dem Walde nun aus Winterträumen
in regem Knospen grünend sind erwacht.

Sie leuchten, zarte, weiße Sterngesichter,
hell in des Buchenwaldes Kathedrale,
Geschenk des Frühlings, der die Blütenlichter
lässt lieblich lächelnd sich ins Leben malen. Weiterlesen

Möven über und unter der Wasseroberfläche

Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend,
Und zugleich im grünen Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Daß sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer, als hoch in Lüften oben,
Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit. Weiterlesen

Der April

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldnen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.
Auch diesmal ist es dem März geglückt:
er hat ihn in den April geschickt. Weiterlesen

Als es kälter wurde, rückte das Wasser zusammen

Wenn Wasser gefriert, haben wir die Vorstellung, dass die Wasserteilchen dichter aneinanderrücken und sich zu Eis verdichten. So heißt es in dem Gedicht „Zugefroren“ von Günter Grass (1927 – 2015):

Als es kälter wurde,
das Lachen hinter den Scheiben blieb,
nur noch als Päckchen und Brief
zweimal am Tag ins Haus kam,
als es kälter wurde,
rückte das Wasser zusammen. Weiterlesen

Magnetturner

Magnetes Geheimnis, erkläre mir das!
Kein großer Geheimnis, als Lieb´ und Haß.
Willst du deines Gleichen kennen lernen,
So wirst du dich gleich wieder entfernen.
Warum tanzen Bübchen mit Mädchen so gern?
Ungleich dem Gleichen bleibt nicht fern.
Dagegen die Bauern in der Schenke
Prügeln sich gleich mit den Beinen der Bänke.
Der Amtmann schnell das Übel stillt,
Weil er nicht für ihres Gleichen gilt.
Soll dein Kompaß dich richtig leiten,
Hüte dich vor Magnetstein, die dich begleiten.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Die Kraft, mit der die Turner hier eine für die menschliche Spezies schwierige Figur zustandebringen, wird ihnen durch den Quader verliehen, auf dem sie stehen. Es ist ein Permanentmagnet. Durch ihn wird der eiserne Wilhelm, der auf dem Podest steht selbst zum Magneten und er erlangt dadurch die Fähigkeit, auch die weiteren Turner, die mit ihm in Kontakt stehen zu Magneten zu machen usw.

Ob ich Biblio- was bin? Phile?

Der Bücherfreund

Ob ich Biblio- was bin?
Phile? »Freund von Büchern« meinen Sie?
Na, und ob ich das bin!
Ha! und wie!

Mir sind Bücher, was den andern Leuten
Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel,
Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten.
Meine Bücher – – – wie beliebt? Wieviel?

Was, zum Henker, kümmert mich die Zahl.
Bitte, doch mich auszureden lassen.
Jedenfalls: viel mehr, als mein Regal
Halb imstande ist zu fassen.

Unterhaltung? Ja, bei Gott, das geben
Sie mir reichlich. Morgens zwölfmal nur
Nüchtern zwanzig Brockhausbände heben – – –
Hei! das gibt den Muskeln die Latur.

Oh, ich mußte meine Bücherei,
Wenn ich je verreiste, stets vermissen.
Ob ein Stuhl zu hoch, zu niedrig sei,
Sechzig Bücher sind wie sechzig Kissen. Weiterlesen

Die gefrorenen Fenster

Die Eisblumen

In Häusern findet man zur Winterzeit
Solch eine wunderbar formierte Zierlichkeit
Die Keiner tüchtig zu beschreiben;
Wenn die gefrornen Fensterscheiben
Von tausend zierlichen und schönen Kreaturen
Uns tausend zierlich Figuren
In solcher zarten Nettigkeit
Und doch in dunkler Nacht erzeugt, uns frühe zeigen. Weiterlesen

Der Februar

Nordwind bläst. Und Südwind weht.
Und es schneit. Und taut. Und schneit.
Und indes die Zeit vergeht
bleibt ja doch nur eins: die Zeit.

Pünktlich holt sie aus der Truhe
falschen Bart und goldnen Kram.
Pünktlich sperrt sie in die Truhe
Sorgenkleid und falsche Scham.
Weiterlesen

Schneegestäub‘ und Nebelqualm

Winter

Aus Schneegestäub`und Nebelqualm
Bricht endlich doch ein klarer Tag;
Da fliegen alle Fenster auf,
Ein jeder späht, was er vermag.

Ob jene Blöcke Häuser sind?
Ein Weiher jener ebne Raum?
Fürwahr, in dieser Uniform
Den Glockenturm erkennt kaum.

Und alles Leben liegt zerdrückt,
Wie unterm Leichentuch erstickt
Doch schau! An Horizontes Rand
Begegnet mir lebend`ges Land.

Du starrer Wächter, laß ihn los
Den Föhn aus deiner Kerkerschoß
Wo schwärzlich jene Riffe spalten,
Da muß er Quaränte halten,
Der Fremdling aus der Lombardei:
Säntis, gib den Tauwind frei!                                        Anette Droste von Hülshoff (1797 – 1848)

Auch die Erinnerung verblasst…

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

Theodor Storm (1817 -1888)

Das farbenprächtige Blatt auf dem nebenstehenden Foto stammt nicht aus dem Sommer. Es ist ein Herbstblatt. Man sieht an ihm die „Bemühungen“ der Natur, das Blattgrün abzuziehen und für  bessere Zeiten aufzubewahren. Ganz ist es ihr noch nicht gelungen. Das Blatt ist offenbar vor Vollendung dieser Sparmaßnahme der Natur gefallen. Aber nur so konnte es die schöne bunte Färbung annehmen und mich während einer Wanderung überzeugen, mit nach Hause genommen zu werden, um in Zukunft zwischen zwei Buchdeckeln zu ruhen und mich gelegentlich an die Wanderung zu erinern.

Zur Gestaltungskraft eines Sonnenuntergangs

abensdsonne_rvAbendsonne

Spitz der Winkel, schräg der Strahl,
Dennoch voll Gestaltungskraft
Malt die Sonne Berg und Tal
Mit verträumter Leidenschaft.

Dunkler wird, was dunkel war,
Heller leuchtet sattes Blau.
Wolkenweiß vergilbt sogar,
Kälte neigt zu mildem Lau.

Kurz nur zeigt sich dieses Spiel,
Kohlefarben wird das Grau.
Dann verschwimmt das Augenziel.
Ende einer großen Schau.

Ingo Baumgartner (1944 – 2015)

Wie groß will nicht der kleine Lano sein…

Wie groß will nicht der kleine Lano sein!
Er steigt auf einen Stuhl: »Heida! bin ich noch klein?
Und bald will ich noch größer sein!«
Er steigt auf einen Berg
Und – ist ein Zwerg.

nach: Johann Gottfried Herder (1744 – 1803)

Lieber Lano, mit diesem kleinen Gedicht möchte ich dir zum heutigen Geburtstag gratulieren und alles Gute im Kreise deiner lieben Menschen und Hunde wünschen.
Da liegst du nun mit deinem kleinen Hundefreund auf dem Bauch und blickst in die Kamera. Als dieses Bild entstand – es ist noch nicht so lange her – warst du noch 4. Aber jetzt hast du den Sprung gewagt auf die nächste Stufe der Zahlenreihe.  Die 5 ist etwas ganz Besonderes. Sie kann nämlich alle ganzen Zahlen, die als letzte Ziffer eine Null oder Fünf haben, ohne Rest teilen. Und alle ungeraden Vielfachen von fünf enden wiederum mit der fünf, alle geraden Vielfachen mit der Null. So ist zwei mal 5 gleich 10. Außerdem ist sie eine Primzahl und zwar eine solche, die sich aus der Summe aller anderen Primzahlen, die kleiner sind als sie selbst bilden lässt.
Sie hat noch viele weitere Eigenschaften, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Aber dass du 5 Finger an jeder Hand hast und 5 Zehen an jedem Fuß, kannst du leicht selbst nachzählen. Überprüfe mal, ob das bei deinen Hunden auch so ist.

 

Die zwei Parallelen

parallele_img_8600Es gingen zwei Parallelen
ins Endlose hinaus,
zwei kerzengerade Seelen
und aus solidem Haus.

Sie wollten sich nicht schneiden
bis an ihr seliges Grab:
Das war nun einmal der beiden
geheimer Stolz und Stab.

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Pappelversteher

Angesichts des nicht aufhören wollenden Regens scheinen selbst die Pappeln den Eindruck zu gewinnen, dass der Herbst beginnt. Jedenfalls vermittelt dieses säuberlich vom Blattgrün befreite und anschließend abgeworfene Blatt einen solchen Eindruck. Angesichts eines Blicks auf den Kalender gehe ich mal davon aus, dass die Pappel sich geirrt hat und mit dem Abwurf des gelben Blattes nur ihrem inneren Gefühl Ausdruck verleihen wollte, dass es nun genug sei. So sehr ich den Regen – in Maßen – mag, kann ich die Pappel in gewisser Weise verstehen. Da hilft nur noch ein Gedicht. Weiterlesen

Der Ginster oder Die Blume der Wüste

Ginster 1Hier auf dem dürren Grat
Des schreckenvollen Berges
Vesuvio, des Verwüsters,
Wo sonst nicht Baum noch Blume fröhlich grünt,
Verbreitest du dein einsam wuchernd Laub,
Duftvolle Ginsterblume,
Genügsam in der Oede. So auch sah ich
Die klaren Fluren blühend dich beleben,
Die jene Stadt umgeben, Weiterlesen

Zum Licht

Nur nicht im DunkelZumLicht
Schmählich erschlaffen!
Im Lichtgefunkel
Leben und schaffen.
Nur im Verstecke
Nicht müd’ versiechen,
Kränkeln und kriechen —
Nur das nicht!
Richte und recke
Auf dich zum Licht!

Siegende Sonne
Hellt dir die Brust,
Wogende Wonne
Wird dir bewußt,
Unter der Decke
Ängstlicher Kleinheit
Wärmt sich — Gemeinheit;
Nur das nicht!
Richte und recke
Auf dich zum Licht! Weiterlesen

Löwenzahn mit Glatze

Löwenzahn_mit_FastglatzeWunderbar stand er da im Silberhaar.
Aber eine Dame,
Anette war ihr Name,
machte ihre Backen dick,
machte ihre Lippen spitz,
blies einmal, blies mit Macht,
blies ihm fort die ganze Pracht.
Und er blieb am Platze
zurück mit einer Glatze.

Josef Guggenmos (1922 – 2003)

Ohne die kleinen Gleitschirme würden die Samen des Löwenzahn einfach herunterfallen und sich gegenseitig an einer Stelle Konkurrenz machen, an der sich bereits die Mutterpflanze tief wurzelnd mit einem mächtigen Blätterkranz breit gemacht hat. Mit Gleitschirm ist das Verhältnis von Oberfläche zum Volumen der Samen so stark vergrößert, dass bereits kleine Winde ausreichen, die Samen auf eine längere Reise zu schicken, wo möglicherweise günstigere Verhältnisse für eine Einwurzelung herrschen.
Das hat sich auch der Mensch zunutze gemacht, im Fallschirm und eben auch im Gleitschirm.

Das erste Grün der Natur ist Gold*

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt; – der grüne Schein
Soll meine Zuversicht
Und liebe Ruhe sein.

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt. Wir leben so
Im leisen Auf und Ab
Und sind des Schwebens froh.

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt. Mir ist so gut.
Komm an mein Herz, du Grün,
Das solche Wunder tut.

Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)

*Natur’s first green is gold
The hardest to hold

Robert Frost (1874 – 1963)

Welche Wunder tut das Grün? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kann man sich dem frischen Grün im Frühjahr kaum entziehen. Spüren wir vielleicht intuitiv, dass das Blattgrün für Energie steht, für Umwandlung von Sonnenenergie in chemische Energie der Pflanzen, die wiederum Grundlage für (fast) alles Leben auf der Erde ist? Jedenfalls stammt das Wort „grün“ vom althochdeutschen Wort „gruoen“ ab, was soviel wie „wachsen“, „sprießen“, „gedeihen“ bedeutet.
Und wer (fast) alles über Grün wissen will, dem empfehle ich das Büchlein „Grün“ von Alexander Theroux. (Hamburg 2000).

Löwenzahn

Fliegen im Juni auf wLöwenzahn_Kunsteißer Bahn
flimmernde Monde vom Löwenzahn,
liegst du versunken im Wiesenschaum,
löschend der Monde flockenden Flaum. Weiterlesen

Maiglöckchen läuten

Maiglöckchen_klingelnLäuten kaum die Maienglocken,
leise durch den lauen Wind,
hebt ein Knabe froh erschrocken,
aus dem Grase sich geschwind.
Schüttelt in den Blütenflocken,
seine feinen blonden Locken, Weiterlesen

Ein Baum mit vielen Lippen

lippen_dscf1447aDieser Baum verlangt offenbar nach etwas mehr Zuwendung. Nachdem er vor längerer Zeit einen blauen Anstrich erhalten hatte, kümmerte sich seitdem keiner mehr um ihn. Die Farbe beginnt zu Blättern und bringt den nackten Stamm wieder zum Vorschein. Der Baum selbst bildet lippenförmige Ausstülpungen, so als wollte er unbedingt etwas sagen und ausdrücken. Weiterlesen

Noch mehr Kälber

kaelber_dsc04841b_rvFrüher, da ich unerfahren
Und bescheidner war als heute,
Hatten meine höchste Achtung
Andre Leute. Weiterlesen

Klatschmohn – Blume des Jahres 2017

mohnNachdem wir in letzter Zeit viel Kaltes und Graues erlebt haben, erwärmt mich der Gedanke, dass dieses Jahr zum Jahr des Klatschmohns bestimmt wurde. Um uns einen kleinen Vorgeschmack auf die Zeit der Mohnblüte zu gönnen, hier schon mal ein anspielungsreiches Gedicht von Hermann Löns. Rot und etwas zerknittert sind die Blütenblätter auch ohne dass man das Haar der Geliebten damit schmückt. Aber dazu im Sommer mehr. Weiterlesen

Orion am Abendhimmel

orion_dsc08012arvBei gutem Wetter lässt sich Orion, der alte Jäger, pünktlich vor meinem Fenster nieder. Ich schalte für eine Weile das Licht aus und versuche, seine Sterne zusammenzusuchen. Da die Bäume zu dieser Zeit unbelaubt sind, stören sie den Anblick kaum. Mal wird der eine mal der andere Stern vedeckt, aber das Bild als solches bleibt erhalten.
Ich werde an ein Gedicht von Marie Hunziker erinnert…

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Die Zeit steht still

zeit_steht_still_rvDie Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
Scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,
Wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
Mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum. Weiterlesen

Schnee ist mehr als gefrorenes Wasser

schnee_tanne_img_6645_rvEs treibt der Wind
im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt,
wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus.

Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin bereit,
und wehrt dem Wind
und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Tierische Kunst

Blattgerippe_rvKünstliche Structur der Blätter.

Ich habe jüngst ein Eichen-Blat gefunden,
Das, durch der kleinen Würmer Schaar,
So künstlich ausgefressen war:
Daß alle Aederchen darin in netter Ordnung stunden.
Unzehlig war der zarten Gänge
Verändrung, Unterschied und Menge. Weiterlesen

Die namenlose kleine Rose

Kleine-RoseDie namenlose kleine Rose –
Sie wallte hin vielleicht
Hätt ich sie nicht gefunden
Am Weg und dir gereicht.
Nur einer Biene fehlt sie –
Nur einem Schmetterling,
Der hergeeilt von Weitem –
An ihrer Brust gern hing –
Ein Luftzug nur wird seufzen –
Ein Vogel wundert sich –
Du Röslein, ach – wie einfach
Das Sterben ist für dich! Weiterlesen

Einkehr

ApfelbaumBei einem Wirte wundermild
da war ich jüngst zu Gaste.
Ein goldner Apfel war sein Schild
an einem langen Aste.

Es war der gute Apfelbaum
bei dem ich eingekehret
Mit süßer Kost und frischem Schaum
hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus
viel leichtbeschwingte Gäste
Sie sprangen frei und hielten Schmaus
und sangen auf das Beste.

Ich fand ein Bett in süßer Ruh
Auf weichen, grünen Matten
Der Wirt er deckte selbst mich zu
Mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt ich nach der Schuldigkeit.
Da schüttelt er den Wipfel
Gesegnet sei er allezeit
von der Wurzel bis zum Gipfel.

Ludwig Uhland (1787 -1862)

Siehst du den Stern?

ZeitSiehst du den Stern im fernsten Blau,
Der flimmernd fast erbleicht!
Sein Licht braucht eine Ewigkeit,
Bis es dein Aug‘ erreicht!

Vielleicht vor tausend Jahren schon
Zu Asche stob der Stern;
Und doch steht dort sein milder Schein
Noch immer still und fern. Weiterlesen