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Literatur

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Fata Morgana – real wie eine Luftspiegelung

Schlichting, H. Joachim. Naturwissenschaften im Unterricht Physik 159/160 (2017) S. 74 – 75

In der Hitze flimmerte die Luft über dem graublauen Asphalt, in genügend großer Entfernung wurde das Band zu einem Spiegel, die Materie verflüssigte sich zu einem See, in dem sich die Karosserien und Bäume spiegelten. Er schob dieses Feld, wo Urbild und Abbild auseinanderflossen, vor sich her, und ihm war, als sei die schimmernde Fläche mit der Mitte seines Körpers verbunden“ (Bornholm, Nicolaus. America oder Der Frühling der Dinge Frankfurt 1980). Weiterlesen

Lichtschwerter – auf dem Wasser und anderswo

Schlichting, H. Joachim. Naturwissenschaften  im Unterricht 159/160 (2017) S. 14 – 15

„Der Reflex auf dem Meer entsteht, wenn die Sonne sich neigt: Vom Horizont her schiebt sich ein blendender Fleck zum Ufer, ein Streifen aus tanzenden Glitzerpunkten; dazwischen verdunkelt das Mattblau des Meeres sein Netz…, und der Sonnenreflex auf dem Meer wird ein schimmerndes Schwert, das sich vom Horizont heran bis zu ihm erstreckt…Während die Sonne tiefer sinkt, färbt der Reflex sich von schimmerndem Weiß zu kupfergoldenem Rot. Und wohin Herr Palomar sich auch wendet, stets ist er selber die Spitze des schlanken Dreiecks. Das Schwert folgt ihm und deutet auf ihn wie ein Uhrzeiger mit der Sonne als Zapfen“ (Calvino, Italo. Herr Palomar. München 1988, S. 18). Weiterlesen

Entlarvendes Spiegelbild

Spiegelbildentlarvung_rvWer denkt, er könne die Brücke im Schutz der Bäume unerkannt überqueren, der irrt sich. Das Spiegelbild im Wasser erlaubt es einem, gewissermaßen unter die Bäume hindurch zu blicken.
Die Fahrzeuge reflektieren das Licht diffus in alle Richtungen. Normalerweise erreicht uns nur das Licht, das auf direktem Wege zu unseren Augen gesandt wird, was in diesem Fall durch das dazwischen liegende Blätterwerk weitgehend verhindert wird. Weiterlesen

Blicken und Überblicken (5)

blicken_img_2167Georg Christoph Lichtenberg ist einer der ersten, der die Tragweite der Entdeckung der Linse für die Naturwissenschaften und für die Menschheit ganz allgemein erkennt und ausdrucksstark beschreibt. Dabei bringt er aber auch die metaphorische Potenz der Linse als „tubis heuristicus“ gegen die Möglichkeiten der realen Linse in Stellung. Weiterlesen

Metaphern der Grenzüberschreitung (8)

aufklaerung_dsc04340Die physikalische und die literaische Sehweise sind grundsätzlich unvereinbar. Die eine kann nicht ohne logischen Bruch in die andere überführt werden. Dasselbe gilt für die physikalische und die lebensweltliche Sehweise. In beiden Fällen ist eine Grenzüberschreitung nötig und die ist nur in Bildern möglich, die im Vollzug des Übergangs zu Metaphern werden und die nach Georg Christoph Lichtenberg „weit klüger (sind) als ihr Verfasser und so sind es viele Dinge. Alles seine Tiefen. Wer Augen hat der sieht alles in allem“(F 369). Weiterlesen

Wenn Bäume sich zu nahe kommen…

Zusammenwachsende Bäume haben es mir in der letzten Zeit angetan. Ich habe kürzlich dazu ein Bild gezeigt, bei dem ein Baum wie das Rohr eines alten Ofens in die Wand in einen anderen Baum einmündete. In der Absicht, mir diesen Doppelbaum noch einmal genauer anzusehen, versuchte ich ihn wiederzufinden. Aber das Sprichwort, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, traf in der Variante zu, dass ich vor lauter anderen Bäumen diesen einen nicht wiederfand. Aber die Suche hat sich dennoch gelohnt. Denn wie ein Wunder traf ich einen anderen Baum an, in dem eine Vorstufe der gezeigten Vereinigung zu sehen ist. Weiterlesen

Lichtenberg zwischen Physik und Poesie

oeffnung_dsc04319Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) war Physiker und Schriftsteller. Er lebte in beiden „Welten“ und blickte von der einen in die andere ohne der von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuchung zu erliegen, die Differenzen zwischen beiden Sehweisen einebnen zu wollen. So konnte er aus unvertrauter Perspektive auf Vertrautes blicken und die Dinge so sehen, wie sie noch nicht gesehen worden waren. Er folgte dabei der Regel „nicht bloß aus Beschreibungen anderer, sondern so viel wie möglich durch eigenes Anschauen (zu lernen). Man muß die Sachen oft in der Absicht ansehen, etwas daran zu finden, was andere noch nicht gesehen haben“ (G 206). Von Lichtenberg kann man lernen, die Welt mit neuen Augen zu sehen und auch im Alltäglichen Physikalisches zu entdecken. Weiterlesen

Wenn es eng wird, wächst man zusammen.

Vor längerer Zeit las ich in dem Roman „Adam Bede“ von George Eliot (1819 – 1880) eine Passage, in der jemand einen bzw. zwei Buchen vor sich hat und darüber spekuliert, ob es nun einer oder zwei Bäume seien. Ich zitiere die Stelle, weil ich mehrfach vor einer ähnlichen Situation stand, bis ich schließlich eine Kamera dabei hatte, um derartige „Begegnungen“ mit den Wundern der Natur, soweit es eben möglich ist, fotografisch zu dokumentieren: Weiterlesen

„Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe*“

geschoepfe_dsc00896_rvDieser Satz stammt von Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), der auf zahlreiche Grenzgänge zutrifft,  die der erste Experimentanphysiker Deutschlands, Philosoph und Schriftsteller zwischen verschiedenen Tätigkeitsfeldern, Forschungsbereichen und gedanklichen Exkursionen unternommen hat. Weiterlesen

Kleists Plädoyer für die Naturbeobachtung

regenbogen_mit_supernumeries-kopieMan erzählt von Newton, es sei ihm, als er einst unter einer Allee von Fruchtbäumen spazieren ging, ein Apfel von einem Zweige vor die Füße gefallen. Wir beide würden bei dieser gleichgültigen und unbedeutenden Erscheinung nicht viel Interessantes gedacht haben. Er aber knüpfte an die Vorstellung der Kraft, welche den Apfel zur Erde trieb, eine Menge von folgenden Vorstellungen, bis er durch eine Reihe von Schlüssen zu dem Gesetze kam, nach welchem die Weltkörper sich schwebend in dem unendlichen Raume erhalten. Weiterlesen

Wasserziehen der Sonne

wasserziehen_img_0215_rv„Wohl kam Pfingsten näher und näher, aber zu der Schwüle, die unbekannt und unsichtbar über des Jünglings Herzen hing, gesellte sich noch eine andere über dem ganzen Dorfe drohend, ein Gespenst, das mit unhörbaren Schritten nahte; Weiterlesen

Schönheit und Verfall

Aesthetik_und_VerfallAlles, was sich in den Werken der Natur vollzieht, hat seine Anmut und seine Schönheit. Die Feige spaltet sich, wenn sie in voller Reife ist, die überrreife Olive ist fast entstellt, aber die Frucht hat doch noch eine besondere Schönheit.

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Löwenzahn und ein wenig Physik

Auch vergilbte Blätter sitzen manchmal noch sehr fest an der Pflanze. Wem das nicht klar ist, dem kann es so gehen wie mir. Ich möchte das Blatt von einer Topfblume entfernen und reiße den ganzen Topf von der Fensterbank. Sicherer ist es, wenn man die Restblume mit einer Hand festhält und das Blatt mit der anderen Hand abzieht. Weiterlesen

Zum Welttag der Poesie

Die Poesie der Wissenschaft liegt nicht offen zutage. Sie stammt aus tieferen Schichten. Ob die Literatur imstande ist, mit ihr auf gleicher Höhe umzugehen, ist eine offene Frage. Letzten Endes kann es der Welt gleichgültig sein, wo sich die Einbildungskraft der Spezies zeigt, solange sie nur lebendig bleibt. Was die Dichter angeht, so mögen diese Andeutungen zeigen, daß es ohne ihre Kunst nicht geht. Unsichtbar wie ein Isotop, das der Diagnose und der Zeitmessung dient, unauffällig, doch kaum verzichtbar wie ein Spurenelement, ist die Poesie auch dort am Werk, wo niemand sie vermutet. Weiterlesen

Kurz vor dem höchsten Punkt

aufstieg_img_82001_rvNoch war alles wie der blinkende Tag, der sich seinem Zenith nähert: aufsteigend, rein, genau und von jenem Werden durchflossen, das Vor-Mittag ist und sich an einem Menschen oder jungen Tier in der gleichen unbeschreiblichen Weise ausdrückt wie an einem Ball, der seinen höchsten Punkt noch nicht erreicht hat, aber nur wenig darunter ist. Vielleicht durchschreitet er ihn gerade in diesem Augenblick.

Aus: Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften.

Windweben

Windwebenam Himmel
Windweben

Arno Schmidt (1914 – 1979) Weiterlesen

Unbeweglich auf rötlichem Gefieder

Mond_in_AbenddämmerungUnbeweglich auf rötlichem Gefieder
schwebte der Mond über den stillen Buschreihen;
die Engel peitschten ihre silbernen und goldenen Kreisel um den Berg.

Arno Schmidt (1914 – 1979)

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Der Ursprung vom „Schwert der Sonne“

SchwertderSonne_rvIch bin immer wieder gefragt worden, woher ursprünglich der Begriff  „Schwert der Sonne“ für die Lichtbahnen auf dem Meer stammt, die vor allem über die Darstellung auf vielen Postkarten vom Urlaub am Meer eine gewisse Verbreitung erfahren haben. Kaum ein anderes physikalisches Naturphänomen ist so bekannt. Weiterlesen

Das Fahrrad als Persönlichkeit

Chillende Fahrräder„Woran erkennen Sie, daß jemand viel Fahrrad in den Adern hat?“ (…)
„Mancher“, sagte er, „nennt es Energie, aber das richtige Wort ist Omnium, denn es steckt viel mehr dahinter als Energie, wohinter auch immer. Omnium ist die wesentliche inwendig innewohnende Essenz, die sich im Innern der Wurzel des Kerns von allem verbirgt, und es ist immer Dasselbe.“
Ich nickte weise. (…)
Das Fahrrad selbst schien eine gewisse eigenartige Qualität der Form oder Persönlichkeit zu haben, die ihm weit mehr Würde und Wichtigkeit verlieh, als sonst diesen Maschinen eignet. Es war außerordentlich gut gepflegt, trug ein angenehmes Funkeln auf dem dunkelgrünen Gestänge zur Schau und hatte ein Ölbad sowie ein sauberes Glitzern auf rostlosen Speichen und Rahmenwerk aufzuweisen. Es ruhte vor mir wie ein zahmes Pony aus hiesigem Gestüt und schien unangemessen klein und niedrig (…), als ich aber seine Höhe mit meiner Größe verglich, fand ich heraus, daß es größer war als jedes andere Fahrrad, das ich je gesehen hatte. Das lag wahrscheinlich an den perfekten Proportionen seiner Teile, die sich nur zusammengefunden zu haben schienen, um ein Ding von unübertrefflicher Anmut und Eleganz zu schaffen, das alle geltenden Größennormen zunichte machte und nur in der absoluten Gültigkeit seiner eigenen untadeligen Dimensionen existierte. Trotz der stämmigen Fahrradstange schien es unsagbar weiblich und wählerisch, es posierte eher wie ein Mannequin, als daß es sich müßig gegen die Wand lehnte wie ein Faulenzer, und mit unanfechtbarer Präzision ruhte es auf seinen zierlichen Reifen, zwei winzige Punkte reinen Kontakts mit dem geraden Fußboden. Ich strich mit unbeabsichtigter Zärtlichkeit – ja, sinnlich – über den Sattel. Auf unerklärliche Weise erinnerte er mich an ein menschliches Antlitz, und das nicht einer simplen Ähnlichkeit in Umriß oder Miene wegen, sondern durch eine Verwandtschaft der Gewebe, irgendeine unbegreifliche Vertrautheit an den Fingerspitzen. Das Leder war dunkel vor Reife, hart, und zwar von einer noblen Härte und von all den scharfen Falten und feineren Runzeln gezeichnet, die die Jahre mit all ihrer Drangsal auch in mein Antlitz gekerbt hatten. Es war ein freundlicher Sattel, und doch war er fest und furchtlos, über seine Einkerkerung nicht verbittert von der Haft nicht gezeichnet, nur von den Spuren ehrenwerten Leidens und ehrlicher Pflichterfüllung. Ich wußte, daß ich dieses Fahrrad lieber hatte als je ein anderes Fahrrad zuvor, lieber sogar als manche Leute mit zwei Beinen. Ich liebte ihre bescheidene Kompetenz, ihre Fügsamkeit, die einfache Würde ihrer stillen Art. Jetzt schien sie unter meinen freundlichen Augen zu kauern wie ein zahmes Huhn, das sich ergeben mit halb ausgebreiteten Schwingen duckt in Erwartung der streichelnden Hand. Ihr Sattel schien sich zur einladensten aller Sitzgelegenheiten zu breiten, während die beiden Enden ihrer Lenkstange zierlich mit der wilden Anmut der Flügel eines wassernden Vogels mir gleichsam zuwinkten, auf daß ich meine Meisterschaft zum Gelingen freier und freudvoller Reisen beitrage, das Leichteste vom Leichten im Verein mit flinken Bodenwinden dem weit entfernten sicheren Port zustrebe, das Schwirren des treuen Vorderrades in meinem Ohr, das sich unter meinem klaren Auge vollendet dreht, und das gute, starke Hinterrad, das mit unbewundertem Fleiß sanften Staub auf trockenen Straßen aufwirbelt. Wie begehrenswert ihr Sitz war, wie reizend die Einladung der Umarmung ihrer schlanken Lenkstange, wie unerklärlich statthaft und beruhigend ihre Luftpumpe, die sich warm gegen ihren hinteren Schenkel schmiegte!
Flann O’Brien (1911 – 1966): Der dritte Polizist. Frankfurt 1991.

Was sagen die Sonnenblumen?

SonnenblumenWieder die Blendung durch das absolute Gelb. Wieder der Eindruck, dass sie (die Sonnenblumen) sie ansehen und zu ihr sprechen, alle Köpfe der Blumen auf Mathilde gerichtet sind, die sich nicht mehr rühren kann.
„Eh, was hast du?“, sagt Bénédicte?
„Ist dir nicht schwindelig?“, fragt Mathilde.
„Nein, warum?“
Warum? Sie ist schon erstaunlich, diese Bénédicte, sie spürt nichts und hört nichts. Die Sonnenblumen wie diese da, es ist unmöglich sie zu malen, so schön sind sie, es ist unmöglich sie zu verstehen, so sehr sie auch mit einer aus Millionen von strahlenden Mündern bestehenden Stimme schreien, hat sie sowas schon gesehen?
(…) Mathilde findet es traurig, dass Bénédicte unempfindlich für die Sonnenblumen ist. Das ist beunruhigend.
Noelle Châtelet: La Petite aux tournesols. Paris 1999

Nach der Sintflut

Es verrieselt, es verraucht,Käfer-nach-Regen
Mählich aus der Wolke taucht
Neu hervor der Sonnenadel.
In den feinen Dunst die Fichte
Ihre grünen Dornen streckt,
Wie ein schönes Weib die Nadel
In den Spitzenschleier steckt;
Und die Heide steht im Lichte
Zahllos blanker Tropfen, die
Am Wacholder zittern, wie
Glasgehänge an dem Lüster. Weiterlesen

Im Jahr des Lichts (9) – Eingebildeter Sonnenuntergang

Eingebildeter SonnenuntergangIch vergolde mich mit eingebildeten Sonnenuntergängen, aber auch das nur Eingebildete ist in der Einbildung lebendig. Ich freue mich über phantastische Brisen, aber das Phantastische lebt, wenn man es sich vorstellt. Ich besitze Seele dank verschiedener Hypothesen, aber diese Hypothesen haben ihre eigene Seele und schenken mir infolgedessen die, die sie besitzen.

Es gibt kein Problem außer dem Realitätsproblem, und das ist unlösbar und lebendig. Was weiß ich von dem Unterschied zwischen einem Baum und einem Traum? Ich kann den Baum berühren: Ich weiß, ich träume den Traum. Was bedeutet das in seiner Wahrheit?

Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe. Stuttgart 1984

Günter Grass wird uns fehlen…

Günter-grass-in-os„Man kann […] auch sagen, dass die schlafende oder träumende Vernunft eine andere Gefahr in sich birgt: dass sie sich absolut setzt. Das Bekenntnis zur Vernunft [darf] nicht erstarren zur Gläubigkeit der Vernunft gegenüber. Der Prozess der europäischen Aufklärung hat von den Anfängen her viel mehr Offenheit bewiesen. Bei Montaigne ist das Irrationale, das auch zum Menschen gehört, noch einbezogen in den Vernunftbegriff, und dann setzte sich die Aufklärung absolut, schied alles das aus, diffamierte es als irrational, setzte es frei – nur so wurde es dann auch als Gegenkraft, als Ungeheuer politisch wirksam, weil nicht mehr eingebunden. Die Vernunft verabsolutierte sich zum Machbaren, zu einem platten Fortschrittsbegriff. […] Vielleicht sollen wir heute begreifen, dass die Ergebnisse der Vernunft einer ständigen Revision bedürfen.“
(aus: Günter Grass: Essays, Reden, Briefe, Kommentare.  Darmstadt: Luchterhand, 1987)

Foto: Günter Grass im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses im Jahre 2014

Lesen, ohne die Weisheit zu verschlucken

Lichtenberg-und-das-BuchDieses bronzene Buch ist in Göttingen zu sehen. Mit dem Ausspruch: „Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen“, erinnert es an Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), der als erster Experimentalphysiker Deutschlands und Aufklärer viele Jahre in Göttingen gelebt und gelehrt hat. Auch wenn in diesem Satz das viele Lesen kritisch gesehen wird, schätzt Lichtenberg das „gute“ Buch sehr hoch ein, und das Lesen spielt in seinem Leben eine wichtige Rolle. Deswegen rät er jedem: „Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an“. Und die Frage: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“, lässt zumindest die Möglichkeit zu, dass die Ursache dafür ein Hohlkopf sein könnte. Weiterlesen

Grenzenloses Vertrauen zur Drehimpulserhaltung

Fahrrad_NaturgesetzeEin ruhender Gegenstand wird oft als Inbegriff von Stabilität angesehen. Ein Stuhl mit vier Beinen steht unverrückbar auf dem Boden. Erst wenn Bewegung ins Spiel kommt, wenn man beispielsweise mit dem Stuhl kippelt, wird die Situation instabil und es kann zu spektakulären Um- bzw. Unfällen kommen.
Es kann aber auch umgekehrt sein, nämlich dass ein bewegter Gegenstand stabiler gegen solche Umfälle ist als ein ruhender. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind der Kreisel und das Fahrrad. Beim Kreisel ist es die Drehimpulserhaltung, die den rotierenden Kreisel daran hindert, einfach so umzufallen, wie er es täte, wenn er in Ruhe wäre. Beim Fahrrad hält sich hartnäckig das Gerücht, dass auch hier die Drehimpulserhaltung (der rotierenden Räder) entscheidend ist. Sie spielt allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist der Einfluss der Trägheit (genau genommen ist auch das „Ausweichen“ des Kreisels ein Trägheitseffekt, aber der ist hier nicht gemeint.). Unter Trägheit verstehen wir die in vielen Situationen anzutreffenden Eigenschaft von Gegenständen, im Zustand der Ruhe oder geradlinig gleichförmigen Bewegung zu verharren, solange keine äußere Einwirkung erfolgt. Wenn ein Ball in Ruhe ist, so muss ich eine Kraft aufwenden, ihn in Bewegung zu setzen. Wenn es dann aber in Bewegung ist, „möchte“ er auch in Bewegung bleiben und wenn ich ihn fange und damit wieder zur Ruhe bringe, muss ich abermals Kraft aufwenden, um ihn zu bremsen. Weiterlesen

Sand im Getriebe der Welt

Sand-1Wie Sand am Meer
Moses

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Stabilität durch kollektives Stürzen

Brücke

Einfache und anschauliche Vorstellungen zu physikalischen Vorgängen findet man oft außerhalb der Physik, z.B. bei dem Dichter Heinrich von Kleist. In diesem Fall kann man sogar davon ausgehen, dass er mit den physikalischen Errungenschaften seiner Zeit vertraut war.
Bögen und Gewölbe faszinieren auch den Laien dadurch, dass sie sich auf eine nicht sofort zu durchschauende Weise den Gesetzen der Schwerkraft zu entziehen scheinen. Und man ist immer wieder erstaunt, dass unter den Überresten antiker Gebäude oft Bögen und Gewölbe vorzufinden sind, die man naiverweise als am ehesten als sturzgefärdet ansieht.
Auch in der aktuellen Physik der granularen Materie spielt die Gewölbebildung durch Kontaktnetzwerke, die die Kräfte der Partikel zu den Seiten ableiten eine wichtige Rolle.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die folgenden Worte von von Kleist eine aktuelle Bedeutung: Weiterlesen

Hier vorne geht sie unter…

IMG_9100arvSonnenuntergänge sind wohl die einzigen erhabenen Untergänge, denen man gern beiwohnt. Auch die beiden Damen auf dem Foto, schauen gebannt auf diesen an sich alltäglichen Vorgang. Andere finden den Sonnengang einfach nur genial: Weiterlesen

Kaleidoskop der letzten Hoffnung

Kaleidoskop004rv(c) H. Joachim Schlichting

„Eigentlich tue ich nichts, als die eigene Physiologie zu beschreiben. Die Veränderungen des elektrischen Feldes auf der Netzhaut, Temperatur-schwankungen, die unterschiedliche Konzentration von Geruchspartikeln in der Luft, das Oszillieren der Schallwellenfrequenz. Daraus setzt sich die Welt zusammen. Alles übrige ist formalisierter Wahnsinn oder die Geschichte der Menschheit. Und wenn ich so gegenüber der Post von Dukla stehe, eine Zigarette rauche und den breitschultrigen Typen mit Spiegelreflexkamera zusehe, kommt mir der Gedanke, daß das Sein Fiktion sein muß, wenn wir überhaupt eine Chance haben sollen. Daß Fleisch, Blut, Licht und alle anderen Selbstverständlichkeiten sich eines Tages als ein einziger interessanter Trug herausstellen müssen, sonst stimmt hier etwas nicht, und Ciao Pamela, wir danken für Ihren Besuch, beehren Sie uns wieder morgen ab eins. Und so ein naiver Gedanke überfällt mich jetzt in Dukla, dessen Reglosigkeit darüber nachsinnen läßt, wie es um die Dinge stehen könnte. Laterna magica, camera obscura, Glaskugel, in der langsam Schnee rieselt, Kaleidoskop der letzten Hoffnung und metaphysische Peepshow“.

Stasiuk, Andrzej; Die Welt hinter Dukla. Frankfurt am Main 2000

Elektrisierender Siemens

Siemens

(c) H. Joachim Schlichting

Die Leidner Flasche
„Desto merkwürdiger, daß sich benutzen läßt, was wir überhaupt nicht kennen, als wäre es für uns da. Der Elektriker Siemens bestieg einmal die Cheopspyramide, schon unterwegs hatten ihm die Gesichter seiner Begleiter nicht gefallen. Oben blieb wenig Zeit, die Aussicht zu bewundern, denn die Beduinen griffen zur Pistole, plünderten Siemens aus. Aber dieser, dem schon lange die elektrische Ladung der Wüstenluft aufgefallen war, warf in höchster Schlauheit seinen Gummimantel unter die Füße, hob den durchnäßten Finger in die Luft und senkte ihn, gerade als der Scheich vor ihm stand, langsam auf dessen Nasenspitze. Weiterlesen

Halbemond auf der Fahrt nach Norden

HalbemondAristarchs Idee war gut, aber eine realistische Umsetzung ist bis heute nicht in Sicht:
„Bei Halbmond bilden Erde-Sonne-Mond ein rechtwinkliges Dreieck (mit dem rechten Winkel am Mond, er gabs zu): mißt man nun von uns aus den Winkel vom Mond zur Sonne, so müßte er – bei Eurer Voraussetzung der annähernden Gleichheit der Bahndurchmesser – stets dicht unter 45 Grad liegen. Er ist aber (tausendfach seit Aristoteles nachgemessen!) so klein, daß er praktisch noch unterhalb unserer heutigen Meßgenauigkeit liegt: und folglich die Radien von Sonnen- und Mondbahn nicht mindestens wie 60 zu 1 verhalten müssen! (Ja, notiere nur, Schätzchen“ Wenn auch mit abfällig geschürztem Gemien!)“.

Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens.

Jean Paul zum 250. Geburtstag

Tropfen auf Blumen rvDer Geburtstag von Jean Paul jährt sich in diesem Jahr zum 250. mal. Er wurde am 21. März 1763 in Wunsiedel geboren. Wie kaum ein zweiter Schriftsteller vor und nach ihm bediente er sich einer ausdruckstarken Metaphorik, die sich insbesondere aus den naturwissenschaftlichen, vor allem kosmologischen Kenntnissen seiner Zeit und Naturphänomenen wie Sonnenfinsternis, Nebensonne, Regenbogen, usw. speiste. Ich folge seinen Ausführungen selbst dann gern, wenn sie – wie er selbst sinngemäß einmal gesagt hat – nicht bedeutend sein wollen, es aber sind, weil so vieles mitschwingt. Weiterlesen

Schneeglöckchen

Schneeglöckchen’s war doch wie ein leises Singen
In dem Garten heute Nacht,
Wie wenn laue Lüfte gingen:
„Süße Glöcklein,  nun erwacht,
Denn die warme Zeit wir bringen,
Eh’s noch jemand hat gedacht.“ –
’s war kein Singen,  ’s war ein Küssen,
Rührt‘ die stillen Glöcklein sacht,
Daß sie alle tönen müssen
Von der künftgen bunten Pracht.
Ach,  sie konntens nicht erwarten,
Aber weiß vom letzten Schnee
War noch immer Feld und Garten,
Und sie sanken um vor Weh.
So schon manche Dichter streckten
Sangesmüde sich hinab,
Und der Frühling,  den sie weckten,
Rauschet über ihrem Grab.

Joseph von Eichendorff

Schwitzende Eiszapfen

EiszapfenrvEiszapfens Klage

Eiszapfen hängt am Dach und weint:
„O weh, o weh, die Sonne scheint!
Oh weh, in dieser Hitze
ich schwitze, schwitze – schwitze!

Ich hab die Schwindsucht auf dem Leib,
und wenn ich so am Schwitzen bleib,
dann leb ich nicht bis morgen,
das sind gar bittre Sorgen!“

Er seufzt und weint und schwitzt gar sehr,
und mager wird er immer mehr.
Da kommt ganz ungezogen
Ein Spatz vorbei geflogen; Weiterlesen

Wundern über den Nebenmond

Nebenmondrv KopieArno Schmidt ist für seine eigenwillige Sprache bekannt. In dieser Sprache gelingt es ihm immer wieder das Beobachtete nicht nur präzise und nachvollziehbar darzustellen, sondern auch noch Nebenaspekte anklingen zu lassen, die normalerweise durch das grobe Netz der gewöhnlichen Sprache fallen. In seiner kleinen Geschichte:“Nebenmond und rosa Augen“ spricht er das gleichnamige Naturphänomen an, über das man sich wundern kann oder auch nicht: Weiterlesen