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Pareidolie

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Baumtattoo

Ein Nadelbaum trägt eine Art Tattoo. Wer hat ihm das nur eingeritzt? Jedenfalls sieht diese – vermutlich durch eine Verletzung beim Abholzen der meisten ehemaligen Nachbarbäume durch Zufall beigebrachte – Verletzung wie eine aufstrebende Pflanze aus (siehe Vergrößerung in der unteren Abbildung). Es ist eine Pareidolie, die mit zahlreichen anderen Mustern, die sich Bäume im Laufe Ihres Lebens zuziehen – eine sehenswerte, die Fantasie herausfordernde Abwechslung beim Spazieren im Wald. Dass Bäume gegenüber anderen Pflanzen für solche Muster prädestiniert sind, hängt mit ihrem Alter zusammen. Sie haben jahrelang Zeit die Spuren der Zeit so in sich aufzunehmen, dass sie kaum noch für eine Wunde angesehen werden, sondern für ein Zeichen.

Ein Baum mit vielen Lippen

lippen_dscf1447aDieser Baum verlangt offenbar nach etwas mehr Zuwendung. Nachdem er vor längerer Zeit einen blauen Anstrich erhalten hatte, kümmerte sich seitdem keiner mehr um ihn. Die Farbe beginnt zu Blättern und bringt den nackten Stamm wieder zum Vorschein. Der Baum selbst bildet lippenförmige Ausstülpungen, so als wollte er unbedingt etwas sagen und ausdrücken. Weiterlesen

Reflektieren mit Herz

feuerherz_img_4045_rvWegweiser:

Wir erkennen die Wahrheit
nicht allein mit der Vernunft,
sondern auch mit dem Herzen

Blaise Pascal (1623-1662)

Tanz und Gravitation

TanzVon der Trägheit der Materie,
dieser dem Tanze entgegenstrebensten
aller Eigenschaften, wissen sie nichts:
weil die Kraft, die sie in die Lüfte erhebt,
größer ist, als jene, die sie an die Erde fesselt.

Heinrich von Kleist (1777 – 1811). Über das Marionettentheater.

 

Die Ringe des Saturn im Kalksandstein

Saturnringe_rvDaß am Himmel ein Körper rotiert, der so grundverschieden von allen anderen ist, eine Gestalt, die größtmögliche Eigentümlichkeit durch größtmögliche Schlichtheit und Gleichmößigkeit und Harmonie erreicht, ist ein Umstand, der das Leben und Denken erfreut…
(und) es zu schön ist, um wahr zu sein, zu willkommen in meinem imaginären Universum, um zur realen Welt zu gehören. Aber vielleicht ist es gerade dieses Mißtrauen gegenüber unseren Sinnen, das uns hindert, uns im Universum wohlzufühlen. Vielleicht ist die erste Regel, die ich mir setzen muß, diese: Halte dich an das, was du siehst.
Italo Calvino (1923 – 1985): Herr Palomar

Dies ist kein Blick in den Ideenhimmel Platos und kein Blick durch ein Fernrohr. Aber wer die Ringe des Saturn kennt, wird durch diese Struktur in einer Kalksandsteinplatte möglicherweise wie ich an sie erinnert. Dank der Möglichkeiten, die uns die optische Linse bietet, holen wir uns heute bei unbekannten Mustern zuweilen die Assoziationen aus Bereichen, die uns natürlicherweise gar nicht zugänglich sind.

Übrigens wurde diese Aufnahme an einer mit natürlichen Kalksteinplatten ausgestatteten Fassade eines Gebäudes mitten in London gemacht. Doch wer sieht in der Hektik des Alltags schon derartige Preziosen.

Der Abend loderte noch still…

abend_lodertDer Abend loderte noch still mit breiter schon gedämpfter Glut und silbernen Wolkenflammen (war aber zu faul zum Figurenlesen).

Arno Schmidt (1914 – 1979)

 

Asphaltherz

asphaltherzUm die Vollkommenheit zu erreichen,
wäre eine außermenschliche Kühle notwendig,
und dann gäbe es kein Menschenherz,
mit welchem man die eigene Vollkommenheit lieben könnte.

Fernando Pessoa (1888 – 1935)

Dieses Asphaltherz zeugt nicht gerade von der Vollkommenheit menschlicher Straßenbaukunst. Kleine Risse haben Wasser in den Straßenbelag eindringen lassen, das im Winter gefror, sich ausdehnte und den Asphalt wegsprengte. Das so durch Zufall (?) entstandene Herz, selbst nicht vollkommen, hat mich immerhin dazu gebracht, es in einem Foto festzuhalten und einen Moment über das Herzliche in der Welt nachzudenken.

Sonnentalerassoziationen

SonnentalerpaarDer Geist des Wissenschaftlers funktioniert nach einem Verfahren der Bildassoziation, das die schnellste Methode der Verbindung und Auswahl zwischen den unzähligen Formen des Möglichen und Unmöglichen ist. Die Phantasie ist eine Art elektronische Maschine, die alle irgend möglichen Kombinationen durchprüft und diejenigen auswählt, die einem bestimmten Zweck entsprechen oder einfach die interessantesten, schönsten, amüsantesten sind, meint Italo Calvino (1923 – 1985). Was das nebenstehende Foto betrifft, so führt mich meine Fantasie auf ganz unwissenschaftliche Wege, wenn auch vielleicht nach demselben Prinzip, das in den Wissenschaften so erfolgreich ist.
Das Foto zeigt übrigens in Wahrheit eine Überlagerung von Sonnentalern unter dem Blätterdach von Bäumen und anderswo.

Wolkenkopf auf Reisen

Wolkengesicht3_rvVor ein paar Tagen driftete bei Sonnenuntergang eine merkwürdig geformte Wolke vor meinem Fenster daher. Sie war zunächst noch monochrom grau, nahm aber indem sie von links nach rechts durch mein Blickfeld schwebte mit der abtauchenden Sonne immer mehr eine rötliche Färbung an. Weiterlesen

Wie Phönix aus der Seifenblase…

Phönix aus der SeifenblaseUm nicht zerplatzend in einige Tropfen zu zerfallen, wählt diese Seifenblase einen anderen Weg. Sie verwandelt sich – oder wird sie durch den Wunsch des Kindes verwandelt – in einen Vogel. Wir sind direkte Zeugen der wunderbaren Transmutation: der Vogel schaut rechts bereits erkennbar aus der Blase heraus. Weiterlesen

Wer guckt den da?

HolzschnauzerEin keiner weiteren Beachtung würdiger Stapel Holz am Wegesrand. Als ich daran vorüberging, hatte ich das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Jedenfalls war der Eindruck so stark, dass ich der Sache nachging und plötzlich erkannte, wer mich da fixiert hatte – ein Stück Holz in der Form eines Riesenschnauzers. Oder besitze ich nur zuviel Fantasie? Weiterlesen

Der Winter ist zurück…

…und zeigt sich von der besten Seite.Der_Winter_ist_zurueck

Schon bei Sonnenaufgang werden die Dämmerungsfarben von den schneebedckten Bäumen weitgehend ungestört reflektiert. Der Schnee ist deshalb weiß, weil er das aus allen Spektralfarben zusammen gesetzte weiße Sonnenlicht weitgehend ungestört (diffus) reflektiert. Das ist bei anderen Oberflächen anders. Die grünen Nadeln der Bäume, absorbieren die Komplementärfarbe und das liegt im Wellenlängenbereich der Rottöne. Deshalb geben sie nur wenig Licht zurück und bleiben auch dort, wo sie vom Sonnenlicht getroffen werden, ziemlich dunkel und unterstreichen durch diesen Kontrast noch den rot aufflammenden Schnee (fast ein Oxymoron).
Der im Schatten liegende Schnee verhält sich entsprechend, indem er das blaue Himmelslicht reflektiert und daher blau aussieht. Oft erkennen wir das nicht, weil unser visuelles System aufgrund der Farbkonstanz die überwiegende Farbe als weiß definieren „möchte“ und damit in der Regel sehr erfolgreich ist. Weiterlesen

Ein Gesicht im Schlick

SpurGesichtrvWenn wir in der zufälligen Spur im Schlick des niedersächsischen Wattenmeeres, die vermutlich durch ein kleines Tier auf der Suche nach Nahrung hinterlassen wurde, trotz einer gewissen Scheu, das eine mit dem anderen in Beziehung zu setzen, ein Gesicht sehen, dann befinden wir uns in guter Gesellschaft. Denn schon der Philosoph David Hume stellt ganz allgemein fest: „Es gibt eine allgemeine Neigung unter den Menschen, sich alle Wesen ihnen ähnlich vorzustellen und auf jeden Gegenstand diejenigen Eigenschaften zu übertragen, mit denen sie näher vertraut und die dem Bewusstsein besonders gegenwärtig sind. Wir sehen menschliche Gesichter im Mond, Armeen in den Wolken und schreiben aufgrund eines natürlichen Hanges … einem jeden Ding, das uns verletzt oder das uns gefällt, Böswilligkeit zu oder einen guten Willen“ (Hume, David: Die Naturgeschichte der Religion. Hamburg: Meiner 2000).
Das menschliche Gesicht, „die unterhaltenste Fläche auf der Erde“, sehen wir besonders oft. So kann „eine kleine Veränderung in einem Dinten-Fleck (…) dadurch sehr merklich werden, wenn ich mir ein Gesicht darunter gedacht habe“ (beide Zitate: Georg Christoph Lichtenberg).

Der in den Wolken wohnt

IMG_9856bWer guckt denn da? Ich war ziemlich überrascht als ich bei der Betrachtung der Wolkenbilder ein Gesicht zu sehen glaubte. Eine Pareidolie? (siehe z.B.: 1, 2, 3). Das hier ist realer. Es kann nicht das Produkt des gestaltsuchenden und -bildenden Auges sein, wie es oft wie aus heiterem Himmel auftaucht, wenn man in mehr oder weniger amorphe Gebilde eine Struktur zu bringen versucht. So war es etwa als ich den Philosophen Schopenhauer in den Cirren zu sehen glaubte. Im vorliegenden Fall hatte ich Wolken fotografiert und zwar als Beifahrer im Rückspiegel eines Autos und war durch Spiegelung selbst ins Bild geraten. Dass nur die dunkleren Wolken einen geeigneten Hintergrund für eine Spiegelung abgeben und nicht der heitere, blaue Himmel, liegt daran, dass das vom Himmel ausgehende Licht das vom Gesicht ausgehende Licht überstrahlt. Der Himmel ist offenbar heller als das Gesicht. Letztlich ist aber das Himmelslicht als gestreutes Sonnenlicht auch die Quelle für das vom Gesicht sekundär gestreute Licht.

Was will uns die Natur damit sagen?

Pareidolia-4Ich sah vor einigen Tagen auf einer zugefrorenen Pfütze die in dem Foto dargestellte Figur. Anstatt es als das zu akzeptieren, was es ist – eine Aufhellung der Eisschicht durch die darunter entstandene Luftschicht – konnte ich nicht anders als dieser Zufallsform im Eis eine Bedeutung zu geben. Ich sah darin ohne Anstrengung einen Menschen der mit dem linken Bein etwas wegzuschießen versucht, einen riesigen deformierter Ball oder etwas Ähnliches. Mit dem rechten Arm scheint er sich auf einem – ziemlich realen – hölzernen Stock abzustützen.

Solche auch Pareidolie genannten Zufallsbilder sind eine Variante der sogenannten Clustering-Illusion. Demnach gibt es in einem physikalischen System zumindest mathematisch gesehen keine vollständige Unordnung, sodass dem menschlichen Bemühen wo immer es möglich ist, Muster zu sehen, Tür und Tor geöffnet werden.

Zur Lesbarkeit von Sanddünen

SanddünenSandwüsten haben trotz ihrer Lebensfeindlichkeit etwas Faszinierendes. Das Erscheinungsbild der Dünen ist ihrem windgeborenen Ursprung entsprechend von einem stromlinienförmigen Profil geprägt und erinnert an organische Gestalten. Italo Calvino sieht es folgendermaßen: „Ich geriet in eine Sandwüste. Meine Füße versanken beim Weitergehen in Dünen, die irgendwie alle verschieden und doch alle fast gleich waren. Je nachdem, von wo aus man sie betrachtete, sahen sie aus wie liegende Körper. Dort schien sich ein Arm abzuzeichnen, der auf einem zarten Busen ruhte, die geöffnete Hand unter eine liegende Wange geschmiegt, hier schien ein junger Fuß mit schlanker Zehe hervorzuragen. Ich hielt inne, um diese möglichen Analogien zu betrachten…(Italo Calvino (1923 – 1985). Weiterlesen

Flecken auf der Geige abspielen

DiePareidolie2 Holzstruktur, die beim Absägen eines Baumes zum Vorschein kommt, könnte der Form nach an ein Huhn erinnern. Die Frage, ob dieses Huhnartige auch dann als solches vorhanden wäre, wenn man den Baum nicht abgesägt hätte, oder vielmehr, wenn ich es nicht betrachtet hätte und mir diese Gedanken gekommen wären, erscheint müßig. Dennoch ist sie nicht ganz ohne Reiz. Georg Christoph Lichtenberg berührt mit den folgenden Worten einen ganz ähnlichen Aspekt:

„Euler sagt in seinen Briefen über verschiedene Gegenstände aus der Naturlehre …, es würde eben so gut donnern und blitzen, wenn auch kein Mensch vorhanden wäre, den der Blitz erschlagen könnte. Es ist ein gar gewöhnlicher Ausdruck, ich muß aber gestehen, daß es mir nie leicht gewesen ist, ihn ganz zu fassen. Mir kommt es immer vor, als wenn der Begriff sein etwas von unserm Denken Erborgtes wäre, und wenn es keine empfindenden und denkenden Geschöpfe mehr gibt, so ist auch nichts mehr. So einfältig dieses klingt, und so sehr ich verlacht werden würde, wenn ich so etwas öffentlich sagte, so halte ich doch so etwas mutmaßen zu können für einen der größten Vorzüge, eigentlich für eine der sonderbarsten Einrichtungen des menschlichen Geistes. Dieses hängt wieder mit meiner Seelenwanderung zusammen. Ich denke, oder eigentlich, ich empfinde hierbei sehr viel, das ich nicht auszudrücken im Stande bin, weil es nicht gewöhnlich menschlich ist, und daher unsere Sprache nicht dafür gemacht ist. Gott gebe, daß es mich nicht einmal verrücke macht. So viel merke ich, wenn ich darüber schreiben wollte, so würde mich die Welt für einen Narren halten, und deswegen schweige ich. Es ist auch nicht zum Sprechen, so wenig als die Flecken auf meinem Tisch zum Abspielen auf der Geige.

Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher [K 45]

Der Philosoph als Wolke

PareidolieWolkenbilderrätsel

Der blaue Himmel ist blau.
Damit ist alles gesagt
über den blauen Himmel.

Dagegen diese fliegenden Bilderrätsel  –
obwohl die Lösung immerfort wechselt,
kann sie ein jeder entziffern.

Unfaßbar sind sie in höheren Lagen,
nebulös. Uns wie sanft
sie hinsterben! So schmerzlos

ist wenig hier. Die Wolken,
sie haben keine Angst, als wüßten sie,
daß sie immer wieder zur Welt kommen.

Hans Magnus Enzensberger: aus: Die Geschichte der Wolken

Dass man in völlig artfremden Dingen wie Bäumen, Wolken, alten Mauern, Landschaften Gesichter und vertraute Gegenstände zu sehen glaubt, wird in der Psychologie als Pareidolie (gr. παρα para ‚daneben‘, ‚vorbei‘ und εἴδωλον eidolon ‚Form‘, ‚Erscheinung‘) genannt. Im vorliegenden Foto glaube ich den Philosophen Arthur Schopenhauer zu erkennen.

Die Welt ist nur eine Form des Menschen

Sandpotenziall030bSchlichting, H. Joachim. In: Physik in der Schule 36/3, 119 (1998).

Die physikalischen Gesetze erlauben, sich ganz andere Universen vorstellen als das, in dem wir leben. Die Entstehung der Galaxien als Voraussetzung für die Entstehung intelligenten Lebens und die hohe Isotropie der Welt, wie sie in der Hintergrundstrahlung zum Ausdruck kommt, sind nur unter ganz unwahrscheinlichen Verhältnissen möglich. Warum ist das Universum so beschaffen, daß intelligente Beobachter entstehen konnten? Einige Kosmologen, wie etwa Stephen Hawking und Barry Collins machen gewissermaßen die Frage zur Antwort, indem sie den so fragenden Menschen als Bedingung unseres Universums ansehen. Mit anderen Worten: Das Universum ist deshalb so wie es ist, weil wir da sind. Oder etwas  präziser…

PDF: Die Welt ist nur eine Form des Menschen