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Poesie

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Des Zeigers Zufallsschwanken

Parabel

Was in unserm leben, freund,
wichtig und bedeutend scheint,
ob es tief zu boden drücke
oder freue und beglücke,
taten, wünsche und gedanken,
glaube mir, nicht mehr bedeuten
als des zeigers zufallsschwanken
im versuch, den wir bereiten,
zu ergründen die natur:
sind molekelstöße nur.
Nicht des lichtflecks irres zittern
läßt dich das gesetz erwittern.
Nicht dein jubeln und erheben
ist der sinn von diesem leben.
Erst der weltgeist, wenn er drangeht,
mag aus tausenden versuchen
schließlich ein erlebnis buchen. –
Ob das freilich uns noch angeht?*

 

Erwin Schrödinger (1887 – 1961) ist einer der Väter der Quantenmechanik und damit eines Forschungsparadigmas der Physik, das heute noch volle Gültigkeit besitzt. Jeder Student der Physik kommt nicht umhin, die Schrödinger-Gleichung zu lernen und in einfachen Zusammenhängen anzuwenden. Dass in Schrödingers umfangreichem Schaffen, auch noch Platz für lyrische Einlassungen war, mag erstaunen. Ebenso erstaunlich finde ich die darin zum Ausdruck gebrachte Gelassenheit und Abgeklärtheit mit der er die Bedeutung der menschlichen und damit seiner eigenen Hervorbringungen einschätzt.


* Erwin Schrödinger: Gedichte. Verlag H. Kupper, Godesberg 1949

Äquinoktium – Tag und Nacht sind gleich lang

Ab heute beginnt der astronomische Herbst. Die Tage werden fortan kürzer als die Nächte. Die Sonnenuntergänge drängen sich immer mehr in Zeiten hinein, die wir bislang als Tag erlebt haben und die Sonne steht inzwischen später auf als ich. Und wenn man morgens über die Wiese geht, sieht man, dass die Spinnen über Nacht nur Wassertropfen gefangen haben.

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.*


* Wilhelm Busch, Im Herbst. Zu guter Letzt, München 1904

Schattenlinien

…bisweilen scheint der Sand den Schatten aufzutrinken, der als Stundenzeiger über meine Tage hinstreicht…

Jean Prévost (1901 – 1944)

 

Radfahren kommt dem Flug der Vögel am nächsten*

Ein Fahrrad will bewegt werden. Im Ruhezustand kippt es um, muss gestützt werden und sieht kümmerlich und hilflos aus. Erst in der Bewegung erwacht es zum Leben. Und selbst der älteste Klepper entfaltet dann eine unerklärliche Grazie.
Obwohl man das Fahrradfahren physikalisch erklären kann, bleibt der wesentliche Teil des Geheimnisses davon unberührt, der darin besteht, dass es funktioniert.
Frei nach Loriot ist ein Leben ohne Fahrrad zwar möglich, aber sinnlos.
Daher bedaure ich jene Leute, die auf dem Weg ins Fitness-Studio im Stau stehen, um sich dort auf ein invalides Fahrrad ohne Räder zu setzen und sich nicht von der Stelle zu rühren.

Weitere Beiträge zum Fahrrad findet man hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier… Ihr seht, ich mag das Fahrrad(fahren).


* Louis J. Halle (1910 – 1998)  US-amerikanischer Naturforscher und Autor

Sommersonnenwende 2020

Sonnenwende_2013-06-02 05.23.45Sonnenwende
Nun die Sonne soll voll enden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.

Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft’gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.*


* Ludwig Uhland (1787 – 1862)

Blätter im Sonnenlicht

Das zierlich eingekerbt-, und nett-gezackte Laub,
Wodurch die Adern sich bis an die Ecken,
Voll klares Safts, wie Blut, erstrecken,
Ist recht verwunderlich geweb´t. Solch eine Menge
Stets wiederum aufs neu geteilter zarter Gänge
Durchflicht das ganz Blat, wodurch es sich vereint,
Und, wie ein grünes Fleisch, voll grüner Adern scheint.
Ein Blat beschattet oft das ander´, und vermehret,
Durch seine dunk´le Zierlichkeit
Der Schatten, Bildungen und Farben Unterscheid.


* Barthold, Hinrich Brockes (1680 – 1747). Im grünen Feuer glüht das Laub. Weimar o.J., S. 31

Mächtige Landschaft

Vor dem blassen Dämmerhimmel,
den Gewölke, grau verworren,
fast schon jetzt zu Nacht verdunkeln,
steh ich, wie ich mich vom Armstuhl,
drin ich grad ein wenig ruhte,
aufgehoben, mit vom Schlafe
noch nicht ganz befreiten Augen.

Und das ungeheure Bild der
Landschaft, das mich so auf einmal
trifft, wie sie den Flügel ihrer
Wolken in die Nacht vorausreckt,
Wasser, Wälder, Berge so im
Schoss des eignen Schattens tragend,
hält mich lang noch wie im Traume.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Monets schimmernde Seerosen und die moderne Physik

In den Jahren, in denen Monet das eruptive Laubwerk und das Schimmern auf dem Teich in Giverny beobachtet, hörten die Physiker auf, an irgendeinem einfachen Konzept der Lokalisation in Zeit und Raum festzuhalten, und ersetzten es durch eine Vorstellung die verwandt ist mit Vibration, mit etwas Unwägbarem im Herzen der Dinge.* Weiterlesen

Das laufende Nichts

Das vom Fernsinn durchstimmte Nichts läuft. Das Nichts ist ein vom Fernsinn durchstimmtes Loch. Es ist zugegeben und kann befragt werden. Ein schwarzes laufendes vom Fernsinn durchstimmtes Loch offenbart das Nichts in seiner ursprünglichen Offenbarkeit.*

 

 

 

Günter Grass (1927 – 2015) hat zwar mehr an einen Hund gedacht, aber ich denke, dass auch Menschen vom Fernsinn (nicht nur vom Fernsehen) durchstimmt sein können, besonders in diesen Tagen.
Warum wir das Nichts meist als schwarz und als Loch ansehen, kann ich nur vermuten. Schwarz ist die Lichtlosigkeit, keine Energie kommt aus der Schwärze. Nun weiß man zwar inzwischen, dass auch die schwarzen Löcher nicht ganz dicht sind, aber doch ziemlich. Nichts ist perfekt.
Die an die sperrige Sprache von Martin Heidegger angelehnte Darstellung ist vermutlich in satirischer Absicht erfolgt.


* Günter Grass. Hundejahre. Neuwied 1963, S. 456

Das Streicheln der Unendlichkeit

Bei Sonnenuntergang sehen alle Städte wunderbar aus, doch manche eben mehr als andere. Reliefe werden geschmeidiger, Säulen runder, Kapitelle lockiger, Gesimse energischer, Turmspitzen strenger, Nischen tiefer, Jünger sehen drapierter aus, Engel schwebender. In den Straßen wird es dunkel, doch es ist immer noch Tag für die Fondamenta und jenen gigantischen flüssigen Spiegel, wo Motorboote, Vaporetti, Gondeln, Dingis und Barken wie verstreute alte Schuhe eifrig auf barocken und gotischen Fassaden herumtrampeln und weder deine eigene Spiegelung noch die einer vorüberziehenden Wolke verschonen .“Abbilden“ wispert das Winterlicht, das nach seiner langen Reise durch den Kosmos schlicht an der Ziegelwand eines Hospitals hängen bleibt oder heimkehrt in das Paradies von San Zaccarias Giebel. Und du spürst die Müdigkeit dieses Lichts, das noch etwa eine Stunde lang in den Marmormuscheln von Zaccaria ruht, während die Erde dem Lichtgestirn die andere Wange bietet. Das ist das Winterlicht in seiner reinsten Gestalt. Es bringt weder Wärme noch Energie, die es irgendwo im Universum oder in der nahen Kumuluswolke abgeworfen und hinter sich gelassen hat. Das einzige Bestreben seiner Partikel ist es, einen Gegenstand zu erreichen und ihn, sei er groß oder klein, sichtbar zu machen. Es ist ein privates Licht, das Licht von Giorgione oder Bellini, nicht das Licht von Tiepolo oder Tintoretto. Und die Stadt verweilt darin und genießt seine Berührung, das Streicheln der Unendlichkeit, aus der es kam. Ein Gegenstand ist es schließlich, was die Unendlichkeit zu etwas Privatem macht.*

Diese poetische Beschreibung eines Sonnenuntergangs, wie man ihn in einer bestimmten Stadt erleben kann, nutzt physikalische Begriffe, um den Worten zusätzliches Gewicht zu verleihen und dem aktuellen Sprachgebrauch entsprechend aufzuladen. Da ist vom Universum, von Energie die Rede, die an Kumuluswolken abgegeben wird, von der Erde als Lichtgestirn, von Lichtpartikeln, die die Gegenstände sichtbar machen usw., ohne dass in irgendeiner Weise einer physikalischen Theorie Rechnung getragen wird. Und dennoch hat man das Gefühl, genau nachempfinden zu können, was gemeint ist. Selbst das Streicheln der Unendlichkeit bekommt einen, wenn auch nicht konkreten, so doch unmittelbar einleuchtenden, vertrauenswürdigen Sinn. In die Alltagswelt abgesunkene, ursprünglich in den Wissenschaften wurzelnde Begriffe, übernehmen nicht nur jeder für sich, sondern auch in fachlich klingenden Zusammenhängen eine metaphorische Rolle, deren Aussagekraft im Bereich der Beschreibung von Stimmungen einer denkbaren (?) wissenschaftlichen Beschreibung übertrifft.


* Aus: Joseph Brodsky. Ufer der Verlorenen. Frankfurt 2002, S. 56

Osterhase – an Kirchenmauer geschmiegt

Ein Jäger denkt und spricht: es ist die Welt ein Wald,
Des Wildes Lager-Statt, der Hasen Aufenthalt,
Und, mit Vergnügen steif vom täglichen Gerenne,
Begreift er nicht, wie man in Städten wohnen könne.*

Oh doch, lieber Herr Brockes, zu Ostern ist alles anders, da sind (vermutlich aushilfsweise) sogar Osterkaninchen in der Stadt tätig. Das abgebildete sieht zwar etwas verhuscht und ängstlich aus; außerdem ist der Korb mit den bunten Eiern nicht zu sehen. Aber die werden sich vielleicht noch in der Kirche befinden, an dessen Mauer das Tierchen hockt.


*Barthold, Hinrich Brockes. Aus: Im grünen Feuer glüht das Laub.

Würd‘ ich’s vermissen?

Würd‘ es mir fehlen, würd‘ ich’s vermissen?

Heut’ früh, nach gut durchschlafener Nacht,
Bin ich wieder aufgewacht.
Ich setzte mich an den Frühstückstisch,
Der Kaffee war warm, die Semmel war frisch,
Ich habe die Morgenzeitung gelesen
(Es sind wieder Avancements gewesen).
Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter,
Es trabte wieder, es klingelte munter,
Eine Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle,
Kleine Mädchen gingen nach der Schule —
Alles war freundlich, alles war nett,
Aber wenn ich weiter geschlafen hätt’
Und tät’ von alledem nichts wissen,
Würd’ es mir fehlen, würd’ ich’s vermissen?

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Fundstück 5 – Rippelpferd

In manchen chaotisch strukturierten Rippelfeldern in der Wüste findet man zuweilen Muster, die oft der Sache nicht angemessene aber hartnäckige Assoziationen auslösen. Als ich dieses Foto einordnete fand ich es ganz normal, es mit Rippelpferd zu bezeichnen, genau durch diese Assoziation wurde es aus dem Einerlei des chaotischen Kontexts herausgehoben. Solche Pareidolien kennt man zur Genüge aus anderen Bereichen. Man denke nur an den Erlkönig.
Gerda Kazakou hat mich vor einiger Zeit angesichts eines ähnlichen Fotos auf eine tiefere Metaphorik aufmerksam gemacht, mit der Novalis seine „Lehrlinge zu Sais“ beginnt:

Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben, allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken*.


Novalis: Dichtungen und Fragmente. Leipzig 1989, S. 162

Im Sturm erschaffen…

Diese Landschaft kurz vor der Grenze war keine Wirklichkeit mehr,
sondern ein seelischer Zustand, in den sie nicht tiefer hineingeraten mochte.*

Soweit die Poesie. In Wirklichkeit ist diese Landschaft der Rest von Fraßgängen von Insekten unter der Rinde eines Baumes, die ans Tageslicht kamen, als der Baum dem Sturm anheimfiel und ein Teil der Rinde abfiel.
Gut dass der Baum zu einem Zeitpunkt fiel, da man damit rechnen konnte. Der Warnungen gab es mehr als genug. Der Baum war so morsch, dass er während des Falls im oberen Drittel durchbrach, so wie man es von alten Frabrikschornsteinen kennt, die durch eine Sprengung zu Fall gebracht werden.

 


aus: Judith Kuckart. Lenas Liebe. Köln 2002

Der Traum und das tiefschwarze Schild des Klatschmohns

Hat man übrigens beachtet, daß die roten blutenden Mohnblumen immer ein merkwürdiges tiefschwarzes oder blaues Feld tragen, einen Schild, der oft so groß wird, daß die ganze Blüte wie Nacht und Dunkel scheint? Manche Mohnblüten entfalten sich zu breiten, flachen Tellern, darauf die Bienen ihre Speise aufgetragen bekommen, denn ich kenne keine Blume, die so gern von Bienen aufgesucht wird. Andere Mohnblumen wirken genau wie schlanke Flammen, ganz vertikal, in strengen zielfesten Linien. Wieder andere sehen wie Wasserdolden aus oder Kugelköpfe. Es gibt keine Form und keine Farbe, die bei diesen Traumgeschöpfen nicht sichtbar würde. Weiterlesen

Das Meer

Grüß‘ mir das Meer,
Silberne Wellen
Rauschen und schwellen,
Schön ist das Meer!

Grüß‘ mir das Meer,
Golden es schäumt‘,
Ob es auch träumet?
Tief ist das Meer.

Grüß‘ mir das Meer,
Glücklich es scheinet
Ströme es weinet,
Groß ist das Meer*


*Friederike Kempner (1836-1901)

Ein Hauch wie Klatschmohn

Die Blumen im „hohen Gras, die kaum berührt, schon ihre Blüte verlieren, nachgebend dem leisesten Hauch: wie der Klatschmohn auf langen Stengeln, Gipfel der Zerbrechlichkeit, kleine Pavillons, kurzlebig, vergänglich, für ein Volksfest, einen Dorfschmuck. Doch es ist jedenfalls immer ein Fest, eine Feier, eine Art Zustimmung: niemals Verweigerung, niemals Weinen“*.

Die Kurzlebigkeit und Vergänglichkeit der Blüten des Klatschmohns wird durch die Unermüdlichkeit der Pflanze aufgehoben immer wieder neue Blüten nachzuliefern bis spät in den Herbst. Beeindruckend ist nicht nur das charakteristische Rot der Blütenblätter, sondern auch der Eindruck, dass sie aus sich heraus leuchten würden. Die Ursache dafür ist in der Eigenschaft der dünnen Blätter zu sehen, das aus dem Spektrum des Sonnenlichts „gefilterte“ rote Licht nicht nur  auf der der Sonne zugewandten Seite auszusenden, sondern es auch passieren zu lassen.
Die erstaunliche Stabilität der hauchfeinen Blütenblätter verdankt sich hauptsächlich dem Druck in den feinen Zellen, der durch die physiologischen Vorgänge in der Pflanze aufrechterhalten wird. Viel Materie ist nicht dran an einem solchen Blütenblatt. Zerdrückt man es zwischen den Fingern, so bleiben ein wenig rote Flüssigkeit und ein wenig Biomasse. Die entfalteten Blätter sind also viel mehr als die Summe ihrer materiellen Bestandteile, sie sind nur Mittel zum Zweck. Und was ist der Zweck?
Zu weiteren Aspekten dieser beeindruckenden Blume habe ich mich schon früher geäußert, zum Beispiel: hier und hier und hier und hier und hier und hier.

Ab heute bin ich eine gute Woche offline und kann daher auf evtl. Kommentare erst später antworten und auch mir liebgewonnene Seiten erst danach besuchen. Für einige Beiträge habe ich aber trotzdem vorgesorgt.


*aus: Philippe Jaccottet Sonnenflecken Schattenflecken. Gerettete Aufzeichnungen 1952-2005

 

 

 

Abendrot

Glühendes Rot schenkt dem Tag eine Stunde
ehe die Nacht alles Helle verschlingt.
Schon dreht das Mausohr im Fahllicht die Runde,
während die Amsel ihr Schlafliedchen singt.

Farben der Glut scheint der Himmel zu malen,
Feuer greift tief in das dunkelnde Blau.
Fort ist die Sonne, die pinselnden Strahlen
klimmen den Sehkreis zur Spätabendschau.

Waldkäuze rüsten ihr weiches Gefieder,
Kirchtürme schwärzen zum Scherenschnitt ein.
Dieser Moment, ein Libretto für Lieder,
könnte nicht schöner, nicht mystischer sein
*


*Ingo Baumgartner (1944 -2015)

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiss noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein grosser Gesang.

R. M. Rilke

Die wunderbaren Wolken

Der Fremde

Wen liebst du am meisten, rätselhafter Mensch, sprich! Deinen Vater, deine Mutter, deine Schwester oder deinen Bruder?
Ich habe weder Vater noch Mutter, weder Schwester noch Bruder.
Deine Freunde ?
Du bedienst dich da eines Wortes, dessen Bedeutung mir bis heute unbekannt geblieben ist.·
Dein Vaterland!
Ich weiß nicht, auf welchem Breitengrad es liegt.
Die Schönheit!
Wie gerne liebte ich sie, die göttliche, unsterbliche.
Das Gold!
Ich hasse es, wie du Gott hassest.
Was liebst du denn, seltsamer Fremdling!
Ich liebe die Wolken … die ziehenden Wolken … dort… dort in
der Ferne … die wunderbaren Wolken!“ Weiterlesen

Tulpen reimen sich

„…während ich persönlich ja finde, dass Tulpen sehr wohl reimen. Das eine Blatt wächst dahin, das andere dorthin. Ihre Formen halten ein Zwiegespräch. Es herrscht Symmetrie. Es gibt in der Mitte den Stängel, es gibt das Spiegelbildliche. Ganz ohne Frage reimen sich Tulpen. Die Natur steckt überhaupt voller Reime„*.

Das gilt nicht nur für Tulpen. Auch andere natürliche und künstliche Objekte können sich reimen. Um den Reim zu entdecken, muss man über ein entsprechendes Sensorium, u.a. ein Gefühl für Symmetrien verfügen. Das muss allerdings nicht unbedingt explizit, bewusst oder mitteilbar werden.

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Wege 16: Die Freiheit der Straße

Sprich mir nur nicht von Freiheit der Worte im Gedicht. Ich habe die einen den anderen unterworfen, im Einklang mit deiner Ordnung, die die meine ist…
Doch sprich mir nicht von der Freiheit der Steine. Denn dann gibt es keinen Tempel. Ich habe verstanden, weshalb man den Zwang von der Freiheit unterscheidet. Je mehr Straßen ich ziehe, um so freier bist du in deiner Wahl. Aber jede Straße ist ein Zwang, denn ich habe sie mit Schranken eingefaßt. Was aber nennst du Freiheit, wenn es keine Straßen gibt, zwischen denen du wählen kannst? Nennst du Freiheit das Recht, im Leeren umherzuirren? Sobald der Zwang eines Weges begründet wurde, steigert sich zugleich deine Freiheit.

Antoine de Saint-Exupéry. Weisheit

Sonnenlicht am Abend

Vielleicht eine Illusion, auf falscher Deutung der Tatsache beruhend, daß DER ENGEL sich mir, sich uns entzog, daß diese Energie im All spielte wie auch in der nächsten und nahen Atmosphäre und die Dunkelheit mit engelsfarbenen Strahlen illuminierte. Und diese breiten sich überall aus, zwischen den Bäumen und über die Gebäude, ob sie uns zugewandt standen oder nicht – man wußte es, weil sich das Licht auch an den Ecken zeigte und auf dem Rasen dahinter – verfließende Lichtbahnen, Schatten, Konturen und Flächen in der Dünung – sozusagen – dieses Lichts, am Ufer eines Meeres mit dem Fassungsvermögen des Alls für weiteres Licht; doch es war, Weiterlesen

Wege 15: Seinen Weg verfolgen

Wer von uns kann, wenn er sich auf seinem Wege umdreht,
auf dem es keine Rückkehr gibt, sagen, er habe ihn verfolgt,
wie er ihn verfolgt haben mußte?

Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe. Frankfurt 1987

Zum Glück gibt es ganz reale Wege, die aus der passenden Perspektive auch noch schön aussehen und nicht nur die Rückkehr ermöglichen, sondern auch viele Möglichkeiten eröffnen, sein Ziel zu erreichen.

Die Pracht der kleinsten Dinge

Die meisten Menschen wissen gar nicht,
wie schön die Welt ist und wie viel Pracht
in den kleinsten Dingen,
einer blume,
einem Stein,
einer Baumrinde
oder einem Birkenblatt sich offenbart.

Rainer Maria Rilke Weiterlesen

Rätselhafte Spuren

Weißt du, was schön ist, hier? Schau: wir gehen und lassen alle diese Abdrücke im Sand zurück, und sie bleiben bestehen, ganz deutlich und ordentlich. Aber wenn du morgen aufstehst, wirst du auf diesen großen Strand schauen, und nichts wird mehr da sein, kein Abdruck, kein anderes Zeichen, gar nichts. Das Meer löscht alles aus in der Nacht. Die Flut versteckt alles. Als wäre nie jemand hier entlanggegangen. Als hätten wir nie existiert. Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem du meinen könntest, du seiest nichts, dann ist es dieser Ort hier. Nicht mehr Land, noch nicht ganz Meer. Kein unechtes leben, kein echtes Leben. Es ist die Zeit. Zeit, die vergeht. Weiter nichts.* Weiterlesen

Schmetterlinge (5) – fliegende lebendige Blumen

Wer wird der Farben Meng´ und ihre Schönheit nennen,
Erzehlen und beschreiben können,
Mit welcher die Natur die kleinen Thierchen schmückt?
Wie mancherley hab ich mit innigem Vergnügen,
Nur bloß an Fliegen einst erblickt!
Woran die Farben sich recht wunderbarlich fügen,
Braun, gelblich, röthlich, schwartz und grau,
Grün, roth, gelb, hell- und dunckel-blau,
Bald Gold mit grün, bald Gold mit roth, gemenget;
Bald ist der Flügel künstlichs Paar
Wie ein Crystall so weiß, so klar; Weiterlesen

Der Blutmond von dunklen Bäumen gesäumt

Da die Medien voll sind von Beschreibungen und Visualisierungen der soeben abgelaufenen einzigartigen Mondfinsternis, beschränke ich mich auf einen Schnappschuss des Naturereignisses. Und mit zwei Strophen eines Gedichts von Johann Wolfgang von Goethe möchte ich an die oft übersehene poetische Seite des Mondes erinnern. Weiterlesen

Tauigte Knospen im Sternenlicht

In Deinen Gedichten weht mich die stille Säulenordnung an, mir deucht eine weite Ebne; an dem fernen Horizont rundum heben sich leise wie Wellen auf beruhigtem Meer die Berglinien; senken und heben sich wie der Atem durch die Brust fliegt eines Beschauenden; alles ist stille Feier dieses heiligen Ebenmaßes, die Leidenschaften, wie Libationen von der reinen Priesterin den Göttern in die Flammen des Herdes gegossen, und leise lodern sie auf – wie stilles Gebet in Deiner Poesie, so ist Hingebung und Liebesglück ein sanfter Wiesenschmelz tauigter Knospen, die auf weitem Plan sich auftuen dem Sternenlicht und den glänzenden Lüften, und kaum, daß sie sich erheben an des Sprachbaus schlanker Säule, kaum daß die Rose ihren Purpur spiegelt im Marmorglanz heiliger Form, der sie sich anschmiegt; so – verschleiernd der Welt, Bedeutung und geheime Gewalt, die in der Tiefe Dir quellen – durchwandelt ein leiser schleierwehender Geist jene Gefilde, die im Bereich der Poesie Du Dir abgrenzest.

Das ist auch ein Zugang zur Welt, der in einem Atemzug eine Verbindung der eigenen Gefühle mit dem Sternenlicht und der purpurnen Rose sieht. In einem Atemzug, in einem Satz.


Bettina von Arnim (1795 – 1859): Die Günderode. München 1998

Die blaue Blume

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Joseph von Eichendorff (1788 – 1857)

Die blaue Blume der Romantiker steht bekanntlich für die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Die hier abgebildete blaue Schwertlilie (Iris), die sich neben einigen gelben Exemplaren in unseren Garten eingenistet hat, ist dazu ausersehen wenigstens für die Zeit der Blüte der Sehnsucht symbolisch ein Gesicht zu geben.

 

Treppen zimmern

treppe-1_rvWas du nicht erschaffst, du
bist es nicht. Dein Sein nur Gleichung
für Tätigsein: Wie will denn,
wer nicht Treppen zimmert,
über sich hinausgelangen?
Wie will heim zu sich selber finden,
der ohne Weggenossen?

Günter Kunert (*1929)

Es ist nützlich, weil es hübsch ist…

laterne_schatten102rvDer fünfte Planet war sehr sonderbar. Er war der kleinste von allen. Es war da gerade Platz genug für eine Straßenlaterne und einen Laternenanzünder.
Der kleine Prinz konnte sich nicht erklären, wozu man irgendwo im Himmel, auf einem Planeten ohne Haus und ohne Bewohner, eine Straßenlaterne und einen Laternenanzünder braucht. Doch sagte er sich:
Es kann ganz gut sein, daß dieser Mann ein bißchen verrückt ist. Doch ist er weniger verrückt als der König, der Eitle, der Geschäftsmann und der Säufer. Seine Arbeit hat wenigstens einen Sinn. Wenn er seine Laterne anzündet, so ist es, als setze er einen neuen Stern in die Welt, oder eine Blume. Wenn er seine Laterne auslöscht, so schlafen Stern oder Blume ein. Das ist eine sehr hübsche Beschäftigung. Es ist auch wirklich nützlich, da es hübsch ist (meine Hervorhebung).

Antoine de Saint Exupéry (1900 – 1944): Der kleine Prinz.

Schwarzweißmalerei des Winters

Heute morgen erreichte das Licht nur  meine Stäbchen.

Rauhreif
Etwas aus den nebelsatten
Lüften löste sich und wuchs
über Nacht als weißer Schatten
eng um Tanne, Baum und Buchs.
Und erglänzte wie das Weiche
Weiße, das aus Wolken fällt,
und erlöste stumm in bleiche
Schönheit eine dunkle Welt.

Gottfried Benn (1886 -1956)

 

Der junge Mond im Geäst verhaspelt

Dem jungen Mond wird meines Erachtens nicht nur in der Belletristik – von einigen sehr schönen Ausnahmen abgesehen – zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Unter „Mond“ versteht man meistens den Vollmond, ohne es explizit zu sagen. Dabei beginnt mit dem jungen Mond, der feinen Sichel, die sich nach den dunklen Neumondnächten, nur kurz aber mit der Zeit immer länger und deutlicher zeigt, ein Zyklus des Neubeginns, den ich gelernt habe, in mein Leben zu integrieren. Weiterlesen

Das steinerne Herz

steinernes-herz_rvWir haben Alles mit Schmerzen versehen: das Licht „verbrennt“; der Schall „erstirbt“; der Mond „geht unter“; der Wind „heult“; der Blitz „zuckt“; der Bach „windet sich“ ebenso wie die Straße.
Mein Herz pumpte die Nacht aus: Blödsinnige Einrichtung, daß da ständig sonne lackrote Schmiere in uns rum feistet! N steinernes Herz müßte man haben, wie beim Hauff.

aus: Arno Schmidt. Das Steinerne Herz. Zürich 1986.

Dieses bereits leicht gebrochene steinerne Herz fand ich eingebettet in einer passenden Mulde am Strand und fragte mich, wie es das Herz wohl zustande gebracht hat, nicht durch die periodisch anbrandenden, Sand vor sich herschiebenden, auflaufenden Wellen allmählich in Sand eingebettet zu sein, sondern im Gegenteil vor einer Art „Burggraben“ umgeben zu werden. Schuld ist die um den Stein herum abgelenkte Wasserströmung, die durch die Einschränkung beschleunigt wird. Geschwindigkeitzunahme und dadurch bedingte Druckabnahme in der Strömung bewirken, dass Sand in der Nähe des Steins aufgehoben, fortgetragen und beim anschließenden Langsamerwerden wieder deponiert wird. Dass dadurch besonders die leichten Sandkörnchen betroffen sind, zeigt sich auch optisch in der durch diese Entmischung verursachten Farbänderung rund um den Stein.

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