//
Artikel Archiv

Poesie

Diese Schlagwort ist 28 Beiträgen zugeordnet

„Die Welt muss romantisiert werden“

sonnenstrahlen_img_0927Die graue Wolke steigt im Sonnenschein
So hellbesegelt wie ein Schiff im Blau,
Der trübe Dunst wird Licht im Sonnen Auge:
Der Sonne Malerblick weiß alles zu verschmelzen,
Aus Meer und Wolken zieht sie helle Strahlen,
In träger Nacht die Geisterwelt zu malen;
Ganz unbemerkt entfaltet sich das Schöne,
Unendlich ward ein Frühling allen Sinnen. Weiterlesen

April

TulpeDie Welt riecht süß
nach Gestern.
Düfte sind dauerhaft.

Du öffnest das Fenster.
Alle Frühlinge
kommen herein mit diesem.

Frühling der mehr ist
als grüne Blätter.
Ein Kuß birgt alle Küsse.

Immer dieser glänzend glatte
Himmel über der Stadt,
in den die Straßen fließen.

Du weißt, der Winter
und der Schmerz
sind nichts, was umbringt.

Die Luft riecht heute süß
nach Gestern –
das süß nach Heute roch.

Hilde Domin (1909 – 2006)

Zum Welttag der Poesie

Die Poesie der Wissenschaft liegt nicht offen zutage. Sie stammt aus tieferen Schichten. Ob die Literatur imstande ist, mit ihr auf gleicher Höhe umzugehen, ist eine offene Frage. Letzten Endes kann es der Welt gleichgültig sein, wo sich die Einbildungskraft der Spezies zeigt, solange sie nur lebendig bleibt. Was die Dichter angeht, so mögen diese Andeutungen zeigen, daß es ohne ihre Kunst nicht geht. Unsichtbar wie ein Isotop, das der Diagnose und der Zeitmessung dient, unauffällig, doch kaum verzichtbar wie ein Spurenelement, ist die Poesie auch dort am Werk, wo niemand sie vermutet. Weiterlesen

Satz des Pythagoras – Formen der ewigen Magie

Der Formen ewige Magie (1831)
(eine poetische Spiegelfechterei)

Ob Kuchen oder Kuchenform
In dieser Welt
Die Hauptsach‘ sind, das lassen wir beiseite.
Ich bringe hier – nur grade aus dem Stand –
Ich bring hier einen kleinen Rahmen
Zu dem, was ich geschrieben und poetisch fand.
Vielleicht bekommt der Rahmen höh’ren Wert
Und trifft ins Herz der Poesie
Denn sein ist ja der Formen ewige Magie. Weiterlesen

Zeichen im Sand

sandrippel_dsc01808b_rvEin Narre schrieb drei Zeichen in Sand,
Eine bleiche Magd da vor ihm stand.
Laut sang, o sang das Meer.

Sie hielt einen Becher in der Hand,
Der schimmerte bis auf zum Rand,
Wie Blut so rot und schwer. Weiterlesen

Wo kein deutliches Bild ist, ist keine Vorstellung*

undeutlich_dsc00409_rvWas würde aus unserm Verstand werden,
wenn alle Gegenstände das würklich wären
wofür wir sie halten?

Georg Christoph Lichtenberg Weiterlesen

Die Zeit steht still

zeit_steht_still_rvDie Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
Scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,
Wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
Mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum. Weiterlesen

Holz – unser inniger Bezug zur Materie

holz_img_5645_rvWenn in diesen Zeiten die Stunden vor dem Kamin uns wieder in die angenehmen Seiten der kalten Jahreszeit einzustimmen beginnen, rückt auch das Holz in seinen zahlreichen Aspekten wieder ins Bewusstsein. Nicht nur dass es unter körperlicher Anstrengung erst einmal kamingerecht zugerichtet werden muss, sondern auch durch die spektakulären Begleiterscheinungen der Rückverwandlung von einer komplexen Biomaterie in seine anorganischen Bestandteile, aus denen es unter Einwirkung der Sonne in den Wäldern entstanden ist. Es ist als würden bei diesem Dekonstruktionsprozess die im Holz aufgehobenen hellen und wärmenden Aspekte der Sonne zugleich lichterloh und stimmungsvoll wieder freigegeben. Dabei fielen mir die folgenden Worte von Phiippe Jaccottet ein: Weiterlesen

Die Schönheit des Blätterfalls

fallende-herbstblaetter_rvSieh die Blätter. . . !
Wie schön sie fallen!
Wie sie es verstehen, auf diesem kurzen Weg vom Ast zur Erde,
eine letzte Schönheit zu legen,
und trotz ihres Entsetzens darüber, auf dem Boden zu verfaulen,
wollen, dass dieser Fall die Grazie eines Fluges habe. Weiterlesen

Die namenlose kleine Rose

Kleine-RoseDie namenlose kleine Rose –
Sie wallte hin vielleicht
Hätt ich sie nicht gefunden
Am Weg und dir gereicht.
Nur einer Biene fehlt sie –
Nur einem Schmetterling,
Der hergeeilt von Weitem –
An ihrer Brust gern hing –
Ein Luftzug nur wird seufzen –
Ein Vogel wundert sich –
Du Röslein, ach – wie einfach
Das Sterben ist für dich! Weiterlesen

Siehst du den Stern?

ZeitSiehst du den Stern im fernsten Blau,
Der flimmernd fast erbleicht!
Sein Licht braucht eine Ewigkeit,
Bis es dein Aug‘ erreicht!

Vielleicht vor tausend Jahren schon
Zu Asche stob der Stern;
Und doch steht dort sein milder Schein
Noch immer still und fern. Weiterlesen

Denk es, wie grün

Ähren_rvWind,
Welle auf Welle
im Saatengrün.
Wohin
die dunkle, die helle,
woher mit dem Wind? Weiterlesen

Eine Landschaft ist ein seelischer Zustand

Landschaft-auf-Gran-CanariaAmiel (1821 – 1881) hat gesagt, eine Landschaft sei ein seelischer Zustand, aber dieser Satz ist wie das schlaffe Glück eines schwächlichen Träumers. Sobald die Landschaft Landschaft ist, hört sie auf, ein seelscher Zustand zu sein. Objektivieren heißt erschaffen, niemand sagt, ein fertiges Gedicht sei ein Zustand, in welchem man daran denke, es zu verfertigen. Sehen heißt vielleicht träumen, wenn wir es aber sehen statt träumen nennen, so deshalb, weil wir träumen von sehen unterscheiden.

Fernando Pessao (1888 – 1935). Das Buch der Unruhe. Frankfurt 1987

 

Die „Fallschirme“ des Löwenzahnsamens glühen wie liebliche Lampen

LöwenzahnsamenBeim Lesen auf einer grünen Wiese landeten einige ineinander verhakte Flugsamen des Löwenzahn auf meinem Buch. Ich hatte – unabhängig von dem, was ich gerade las – den Eindruck, dass die semitransparenten weißen Fallschirme wie kleine Lampen leuchteten und habe später die Situation vor Ort nachgestellt und fotografiert. Der Blauschimmer stammt vom blauen Himmelslicht. Weiterlesen

Nachts geben mir die Sterne recht

Winterfiligran„Manchmal, wenn der Himmel weit offen und tief ist wie heute, meine ich, Kopf im Nacken, den Blick in die Zeit selbst zu versenken. Nachts geben mir die Sterne recht, die aus tiefster Vergangenheit und Einsamkeit zu mir hinunterfunkeln. Auch wenn sie über die Erde schweifen, verlieren sich die Augen oft im Gewesenen: jene Mauer dort reicht von einem fernen Zeitalter in das unsere, jener Baum wurzelt in einem fernen Jahrhundert. Weiterlesen

Die Zukunft hat schon begonnen…

Zukunft-1

„Gerade als unter Mithilfe von Columbus allen endgültig klar wurde, daß die Erde rund – also rundum begrenzt – sei, als unter Mitwirkung von Kopernikus sich die Überzeugung durchsetzte, daß sie um die Sonne kreise – also selbst nur Teil eines nicht auf uns zentrierten Universums sei – , gerade in diesem Weltaugenblick beschlossen die Erdeinwohner unter Anleitung von Vordenkern wie Francis Bacon, zur Verlängerung, Steigerung, Verbesserung ihres eignen Lebens die Natur von Grund auf so richtig auszubeuten und hierbei auf eine keineswegs eigens bedachte Unendlichkeit mitten im Begrenzten zu zählen. Weiterlesen

Brücke im Wasser

Brücke-im-WasserIch ging eines Tages an den Ufern der Aisne entlang, und eine Qual ohne Maß und ohne Grund hatte mich gepackt. Mir schien, als könnte ich nie wieder fröhlich werden. Das Bild einer Brücke im Wasser gab mir plötzlich Vertrauen zu mir selbst und führte zur Freude zurück. Es war doch eigentlich nur ein Reflex im Wasser, aber glaubt niemals denen, die euch sagen werden, daß es nur ein Reflex war.

Georges Duhamel (1884 – 1966)

Das Dual in Form des Ginkgo-Blattes

Ginkgo-GoetheGingo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt. Weiterlesen

Was sagen die Sonnenblumen?

SonnenblumenWieder die Blendung durch das absolute Gelb. Wieder der Eindruck, dass sie (die Sonnenblumen) sie ansehen und zu ihr sprechen, alle Köpfe der Blumen auf Mathilde gerichtet sind, die sich nicht mehr rühren kann.
„Eh, was hast du?“, sagt Bénédicte?
„Ist dir nicht schwindelig?“, fragt Mathilde.
„Nein, warum?“
Warum? Sie ist schon erstaunlich, diese Bénédicte, sie spürt nichts und hört nichts. Die Sonnenblumen wie diese da, es ist unmöglich sie zu malen, so schön sind sie, es ist unmöglich sie zu verstehen, so sehr sie auch mit einer aus Millionen von strahlenden Mündern bestehenden Stimme schreien, hat sie sowas schon gesehen?
(…) Mathilde findet es traurig, dass Bénédicte unempfindlich für die Sonnenblumen ist. Das ist beunruhigend.
Noelle Châtelet: La Petite aux tournesols. Paris 1999

Der Schatten – das wunderliche Tier neben mir

Schattentier2Der Schatten

Da ich heut morgen im Garten saß
Die Bäume standen in blauer Blüh,
Voll Drosselruf und Tirili
Sah ich meinen Schatten im Gras,

Gewaltig verzerrt, ein wunderlich Tier,
Das lag wie ein böser Traum vor mir.

Und ich ging und zitterte sehr,
Indes ein Brunnen ins Blaue sang
Und purpurn eine Knospe sprang,
Und das Tier ging nebenher.

Trakl, Georg: Der Schatten

Ein Blick auf die Sterne…

Ursa Minor rvMatthias Claudius (1740 – 1815) ist vor 200 Jahren gestorben. Er hat uns viele Verse hinterlassen, die eine Beziehung des Menschen zur Natur zum Gegenstand haben. Die durch das Schauen und Betrachten der Natur ausgelösten Gedanken und Gefühle stellen ein ergänzendes Moment zur rein naturwissenschaftlichen Beschreibung dar und machen das Naturerlebnis und die Naturerfahrung erst vollständig. Weiterlesen

Im Jahr des Lichts (9) – Eingebildeter Sonnenuntergang

Eingebildeter SonnenuntergangIch vergolde mich mit eingebildeten Sonnenuntergängen, aber auch das nur Eingebildete ist in der Einbildung lebendig. Ich freue mich über phantastische Brisen, aber das Phantastische lebt, wenn man es sich vorstellt. Ich besitze Seele dank verschiedener Hypothesen, aber diese Hypothesen haben ihre eigene Seele und schenken mir infolgedessen die, die sie besitzen.

Es gibt kein Problem außer dem Realitätsproblem, und das ist unlösbar und lebendig. Was weiß ich von dem Unterschied zwischen einem Baum und einem Traum? Ich kann den Baum berühren: Ich weiß, ich träume den Traum. Was bedeutet das in seiner Wahrheit?

Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe. Stuttgart 1984

Wenn Andenken Vergessen wär…

VergissmeinnichtWenn Andenken Vergessen wär,
Dann weiß ich es nicht mehr,
Und wär Vergessen Sich-Erinnern,
Ganz knapp entfiel es mir,
Und wenn Entbehren fröhlich machte,
Und Trauern machte heiter,
Wie hoch vergnügt die Finger wären
Die dies hier pflückten, heute!

(If recollecting were forgetting,
Then I remember not,
And if forgetting, recollecting,
How near I had forgot,
And if to miss, were merry,
And to mourn, were gay,
How very blithe the fingers
That gathered this, today!)

Emily Dickinson (1830 – 1886)

Der Lattenzaun

LattenzaunEs war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.
Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko.

Christian Morgenstern

Stille Winterstraße

SchneewanderungEs heben sich vernebelt braun
Die Berge aus dem klaren Weiß,
Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun,
Steht eine Stange wie ein Steiß.

Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf,
Wie ihn kein Maler malen darf,
Wenn er’s nicht etwas kann.
Ich stapfe einsam durch den Schnee.
Vielleicht steht links im Busch ein Reh
Und denkt: Dort geht ein Mann.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Sich freuen am Naturschönen

NaturschönDer Mensch … ist geschaffen mit einer Fähigkeit, sich zu freuen an Dingen, auch wenn sie ihm nichts nützen, mit einem Organ für das Schöne. An der Freude des Menschen am Schönen haben stets Geist und Sinne in gleichem Maße teil, und solange Menschen fähig sind, sich mitten in den Drangsalen und Gefährdungen ihres Lebens solcher Dinge zu freuen: eines Farbenspiels in der Natur oder im gemalten Bilde, eines Anrufes in den Stimmen der Stürme und des Meeres oder einer von Menschen gemachten Musik, solange ihnen hinter der Oberfläche der Interessen und Nöte die Welt als Ganzes sichtbar oder fühlbar werden kann, worin vom Kopfdrehen einer spielenden jungen Katze bis zum Variationenspiel einer Sonate, vom rührenden Blick eines Hundes bis zur Tragödie eines Dichters ein Zusammenhang, ein tausendfältiger Reichtum an Beziehungen, Entsprechungen, Analogien und Spiegelungen besteht, aus deren ewig fließender Sprache den Hörern Freude und Weisheit, Spaß und Rührung zuteil wird – solange wird der Mensch seiner Fragwürdigkeiten immer wieder Herr werden und seinem Dasein immer wieder Sinn zuschreiben können, denn der „Sinn“ ist ja eben jene Einheit des Vielfältigen, oder doch jene Fähigkeit des Geistes, den Wirrwarr der Welt als Einheit und Harmonie zu ahnen.

Hermann Hesse: Späte Prosa

Früh im Wagen

Mond in GegendämmerungEs graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
da schon ein blasser Streif
den fernen Ost erhellt;

Man sieht im Lichte bald
den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:

So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abendnacht versenkt. Weiterlesen

Der Mond ist aufgegangen

Der-Mond-ist-aufgegangen-2rSchlichting, H. Joachim. In: Physik in der Schule 32/4 (1994).

Wer kennt nicht jenes schöne Kinderlied, das jenseits aller Versuche physikalischer und – seit einigen Jahren – tatsächlicher Inbesitznahme die emotionalen Beziehungen des Menschen zum Mond anspricht. Der Mond ist von Anbeginn an Projektionsgegenstand menschlicher Stimmungen, Gefühle und Phantasien gewesen. Weiterlesen