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Rot

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Impressionen aus der Krümmhörn 6 – Morgenstimmung

Als ich am frühen Morgen einen meiner Krummhörn Spaziergänge unternehme, ist die Sonne noch nicht aufgegangen. Die tieferen Gefilde sind noch in ein weitgehend monochromes Dunkel gehüllt. Der heutige Weg verläuft in westliche Richtung, sodass hinter mir alle Vorbereitungen für den Sonnenaufgang ablaufen. Auf einmal bemerkte ich, dass die dunkle Wolke vor mir am oberen Ende einen schwachen Rotschimmer annimmt. Der Sonnenaufgang steht also unmittelbar bevor, obwohl die Sonne noch nicht zu sehen ist. Die Röte erfasst nach und nach auch die unteren Partien der Wolke, wobei sich an einigen Stellen die dominanten Blautöne mit dem roten Licht der Sonne teilweise zu einem zarten Purpur überlagern. Das ganze Geschehen wird begleitet von der zunehmenden Aufhellung der Landschaft. Schließlich ist die Sonne so hoch gestiegen, dass ihre Strahlen das noch vom Vorjahr vergilbte Schilf am Rande des Kanals zur Reflexion ihrer immer noch rot angehauchten Strahlen veranlasst.
Die grünen Wiesen und frisch belaubten Bäume werden von diesen Aufhellungen kaum berührt. Denn im Unterschied zu den Wassertröpfchen in den Wolken und den hellen Schilfhalmen absorbieren diese weitgehend das rote Licht – Grün ist die Komplementärfarbe von Rot. Diese selektive Beleuchtung schafft die typische Morgenstimmung, mit der ein neuer Tag beginnt. 

Roter Mohn

Leuchtender! Die wilden Winde
übersteht dein Leuchten nicht,
aber leih’ mir, daß ich’s binde,
dein Erglüh
en zum Gedicht.

Nicht daß davon je geblieben
wär dein Bild, das Rot darin!
Immer, was wir herzlich lieben,
geht dahin, wie Rauch dahin.*

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Das Mohnblütenblatt ist eine erstaunliche Hervorbringung der Natur. Es entfaltet sich völlig zerknautscht aus der Knospe, ist dünner als Samtpapier, wiegt fast nichts, besteht aus fast nichts. Knäuelt und presst man es zwischen den Fingern zusammen, so hat man schließlich außer ein paar Tropfen roten Safts kaum etwas in den Händen. Trotzdem trotzt das entfaltete Blatt so manchen Winden, indem es kaum Widerstand leistet und sich den Luftströmungen ergibt. So gering wie seine Masse so kurz ist auch sein Dasein. Nach wenigen Tagen intensiven roten Leuchtens fallen die Blütenblätter ab und lassen eine ebenfalls schöne Samenkapsel zurück, in der sich die nächste „Lebensphase“ abspielt – Vorsorge für die kommende Klatschmohngeneration.
Manche Menschen verfallen dem Rot ebenso wie das Insekt auf dem Foto. Dennoch gilt es vielen wie auch der ebenso faszinierende Löwenzahn als Unkraut.


* Johannes Bobrowski (1917 – 1965)

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