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Wandern

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Wandern in den Wolken…

Die Luft wird dünner, und manchmal ist der Wanderer von Wolken umgeben, und wenn sie zum Teppich werden, dann heißt das, daß sich vor ihm eine Schlucht auftut. Man geht über Grate, die einen halben Meter breit und fünfzehnhundert, achtzehnhundert, zweitausend Meter hoch sind, an Abgründen entlang. Die Hänge sind senkrecht, und der einzige Halt für den Fuß oder die Hand sind Wurzeln und Sträucher und manchmal ein fester Stein. Wenn man auf eine Hochfläche trifft, ist alles grün: sogar das Sonnenlicht ist grün. Der Boden ist mit einem grünen Pflanzenteppich  bedeckt, die Bäume, die Sträucher und das Buschwerk zeigen die gesamte Palette des Grün. Die Baumstämme sind mit Flechten bedeckt, die wie Grünspan aussehen, sich aber nass anfühlen: Diese grüne Wirklichkeit ist feucht. Von den Blättern tropfen unzählige Regenperlen, und wenn man auftritt, sinkt das Gras mit einem wässerigen Schmatzen ein. Auf den bemoosten Felsen sind flüssige Kristalle, und den Weg kreuzen kleine Rinnsale, Wasseradern. Die Temperatur liegt wenige Grade über Null, und das Licht dringt kaum durchs Blattwerk. Auf einer Lichtung taucht ein Wolkenfetzen auf, und die Sonne zerreißt ihn, und an dem Sonnenstrahl klettert eine Dunstspirale empor. Es regt sich kein Lüftchen, doch ab und zu spürt man einen kalten Windstoß. Ganz weit dort unten ist zu beiden Seiten das graue Meer und zur dritten Seite hin sieht (es) grau aus.*

 


* Guillermo Cabrera Infante. Ansicht der Tropen im Morgengrauen. Frankfurt 1992, S. 94

Impressionen aus der Krummhörn 2

Indem der Blick im flachen Land kaum verstellt ist durch höhere Gebäude und Berge gehört die Wolkenlandschaft wie eine natürliche Ergänzung zum Land dazu. Ich erlebe bei meinen Wanderungen in diesem mit 75 Einwohnern pro Quadratkilometer für deutsche Verhältnisse (Durchschnitt ca. 230 Einwohner/km2) dünn besiedelten Landstrich an der Nordseeküste das Wolkengeschehen ähnlich intensiv wie aus dem Flugzeug über den Wolken – nur mit dem entscheidenden Unterschied, nicht durch Lärm und Fenster davon getrennt zu sein. Ich befinde mich gleichsam frei beweglich mittendrin. Die Wolken als wesentliche Akteure des Wettergeschehens lassen mich teilhaben an dem was ist und was uns erwartet.
Wolken haben als „Gedanken des Himmels“ von jeher Maler, Dichter und Denker inspiriert

Auch Kondensstreifen werfen Schatten

Auf einer Wanderung richtet man den Blick meist nicht gerade in den Himmel. Als ich es dann auf einem befestigten Weg doch tat, sah ich dass der Kondensstreifen eines Flugzeugs durch eine dunkle Linie verlängert war. Das Flugzeug schien wie auf einer vorgezeichneten Bahn zu fliegen. Bevor ich aber die Kamera bereit hatte, schwächelte der Kondensstreifen und auch die dunkle Linie büßte an Deutlichkeit ein. Das nebenstehende Foto gelang kurz bevor das Flugzeug den Kondensstreifen „abschaltete“ und auch der dunkle Streifen verschwand. Deswegen habe noch eine kontrastverstärkte Version beigefügt (rechtes Foto). Weiterlesen

Klatschmohnidylle wie in alten Zeiten

Es gibt sie noch, die Klatschmohnfelder der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts.  Jedenfalls fühlte ich mich angesichts dieses unbefestigten Weges durch Getreidefelder, die wohl keine Pestizide kennengelernt haben und von Klatschmohn gesäumt sind, in alte Zeiten zurückversetzt. Allerdings gibt es auf dem Foto einige verräterischen Anachronismen, die die Jetztzeit hindurchschimmern lassen: Die Zementziegel der perfekt renovierten Häuser, die Ortgangziegel, die man damals noch nicht in dieser Form hatte, die Verkleidung des Schornsteins, die moderneren Strommasten …

Kunst am Wegesrand (4)

Wenn man beim Wandern etwas aufmerksamer auf die Umgebung achtet, findet man immer wieder künstlerische Objekte, die in der Alltagshektik oft übersehen werden. Dazu gehört auch diese rostige Eisenplatte mit einigen wuchtig aufgeprägten, ebenso dem Rost anheimgegebenen Worten. In ihnen erkennt man ein kurzes Zitat aus dem Zwischenkriegsroman „Der schwarze Obelisk“ von Erich Maria Remarque. Hier der etwas ausführlichere Kontext, aus dem die Zeilen entnommen wurden. Weiterlesen

Das Ende eines Weges – Kunst am Wegesrand (3)

Am Ende einer Wanderung in Bad Essen sahen wir uns diesem wie ein schlechter Scherz erscheinenden Gebilde ausgesetzt (Foto)*. Dass das Ende so aussehen könnte, damit hatte ich jedoch nicht gerechnet. Hier wurde ein Keil durch das Pflaster getrieben, der dem weiteren Verlauf und gewohnten Gang ein ungewöhnliches Ende setzte.
Angesichts der unerwarteten Richtung, in die die nunmehr losen Wegenden getrieben wurden, können einem verwirrende Gedanken kommen, u.a. ein Vers aus Christian Morgensterns Gedicht „Zwölf-Elf“:

Der Rabe Ralf ruft schaurig:“kra!
Das End ist da! Das End ist da!“


* Ich konnte leider den Urheber dieses beziehungsreichen Kunstwerks nicht ausmachen.

Wegweiser stehen auf der Stelle

Wer viel wandert macht auch viele Erfahrungen mit Wegweisern. Schon Meister Eckhart gibt einen Hinweis auf so etwas wie einen universalen Wegweiser:

Sollte einer an eine stat gan und gedehte, wie er den ersten fuoz saste, da enwürde niht zu. Dar umbe sol man dem ersten volgen und gan also für sich hin, so kumt man dahin, dar man sol, und dem ist reht.„*

Vor diesem Wegweiserbaum (ratet mal wo das war?) stand ich vor einiger Zeit und dachte mit einer Mischung aus Verzweiflung und Trost an einen Ausspruch von Stanislav Lem, der in etwa das Folgende gesagt hat:

Wegweiser können die Landschaft in ein Labyrinth verwandeln.

Dem kann man nur allzu oft zustimmen.

 


*Meister Eckhart (etwa 1260-1327)
Übersetzung: Kommt einer in eine Stadt und überlegt sich, wie er seine Schritte lenkt, da würde nichts draus. Man soll darum dem ersten Schritt folgen und einfach vor sich hingehen. Dann kommt man dahin, wohin man soll und das ist recht so.

Begegnung mit alten Bekannten

Dies ist ein Kartoffelkäfer, einer von sehr vielen, die wir während einer Wanderung beim Überqueren einer Landstraße begegneten. Offenbar waren sie auch auf Wanderschaft.
Ich kenne die Käfer aus meiner Kindheit. Dort habe ich sie und ihre rotwurmigen Larven von den Kartoffelfeldern abgesucht und in einem verschließbaren Glas gesammelt. Je nach Menge der Käfer, gab es dann ein paar Groschen. Was der Bauer mit ihnen machte, wollte ich damals lieber nicht wissen.
In diese Zeit fühlte ich mich zurückversetzt und sagte ziemlich spontan zu meinem mitwandernden Freund, dass hier  ein Biobauer in der Nähe sein müsse. Ich hatte es kaum ausgesprochen, als wir auch schon ein Schild am Rande des Feldes erblickten, der auf den Biohof hinwies.
Die anderen Bauern halten ihre Felder mit Pestiziden kartoffelkäferfrei. Ich frage mich, wie die Biobauern sich heute der Kartoffelkäfer erwehren. Offenbar gelang es diesem Biobauern die Käfer massenweise in die Flucht zu schlagen. Wie sonst wäre der selbstmörderische Massenexodos der Käfer über eine Autostraße vom Kartoffelfeld weg zu erklären?

Zur abenteuerlichen Geschichte des Kartoffelkäfers gibt es übrigens einen interessanten Wikipedia-Beitrag.

Der Weihnachtsbaum abseits des Wanderwegs

Auf Wanderungen bin ich mittlerweile nicht nur darauf gefasst, landschaftliche, naturwissenschaftliche und innere Entdeckungen zu machen, sondern auch Kurioses zur Kenntnis zu nehmen, das dann oft ohne mein bewusstes Dazutun auf dem Rest des Weges in dem Sinne virulent bleibt, dass Geschichten entstehen, die versuchen einen wenn auch nicht realistischen, so doch stimmigen Kontext für das Gesehene zu schaffen.
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Vom Wandern und Bürsten

Beim Wandern im Wiehengebirge finden wir in der Gegend von Rödinghausen einladende Holzbänke zum Rasten vor. Die Bänke sind jeweils mit einer Bürste versehen, deren Verwendung aber nicht verraten wird. Stattdessen findet man folgenden Text: Mach mal Pause, dann lässt es sich doppelt so gut und fröhlich weiter wandern. Ihre Zahnärzte…Weiterlesen

Wege 11: Dünenwanderung

Hier ging ein Mensch, seine Spur verrät, dass er nicht ganz zielstrebig voranschritt. Er muss überlegt haben, wie er den nächsten Dünenabhang durchqueren würde. Zweimal weicht er vom „Weg“ ab, bevor er in der ursprünglichen Richtung weitergeht. Vielleicht hat er gesehen, dass es an der linken Seite steiler heruntergeht als gedacht. Weiterlesen

Die Schwierigkeit, die Erde als glatte Kugel zu erfahren

Die Freiheit des Bergwanderns und -kletterns ist festgemacht am Gängelband der Wanderwege und Klettersteige. Von oben sehen die filigranen verschlungenen, häufig weiß leuchtenden Wege wie feine Bänder aus, die ausgelegt wurden, um ähnlich wie Ariadne den Weg durch das Labyrinth von Felsen, Schluchten und Steinen zu finden. Weiterlesen

Auch die Erinnerung verblasst…

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.

Theodor Storm (1817 -1888)

Das farbenprächtige Blatt auf dem nebenstehenden Foto stammt nicht aus dem Sommer. Es ist ein Herbstblatt. Man sieht an ihm die „Bemühungen“ der Natur, das Blattgrün abzuziehen und für  bessere Zeiten aufzubewahren. Ganz ist es ihr noch nicht gelungen. Das Blatt ist offenbar vor Vollendung dieser Sparmaßnahme der Natur gefallen. Aber nur so konnte es die schöne bunte Färbung annehmen und mich während einer Wanderung überzeugen, mit nach Hause genommen zu werden, um in Zukunft zwischen zwei Buchdeckeln zu ruhen und mich gelegentlich an die Wanderung zu erinern.

Vom allzu menschlichen Maß

Beim Wandern geht einem vieles durch den Kopf. Oft ist das Vorankommen selbst Gegenstand der Gedanken. Auf einer längeren Wanderung, auf der ich noch 10 nicht besonders kurzweilige Kilometer vor mir habe (die Landschaft ist eben auch nicht immer durchgehend aufregend), rechne ich mir aus, dass ich dazu bei meiner durchschnittlichen Wandergeschwindigkeit etwas mehr als 2 Stunden benötigen werde. Weiterlesen

Licht im Dunkel auf La Palma

Das kleine Gotteshaus leuchtete weit übers Land, als wäre es überaus wichtig. Es zog mich mit seinem Schimmern jedesmal an, und ich stieg die Stunde hinauf, wo sonst niemand steigt in den ermattenden Hochsommertagen. Auch dies war ein Traumbild des … Lichts, das alles erhöht und aus jedem Nichts ein Wunderwas macht. Jedesmal nahm ich mir vor, nicht überrascht zu sein, wie kärglich und arm es war, und jedesmal war ich’s dann doch. Denn es war nur ein kleiner Gottesschuppen, so klein, daß ich mit der Hand ans dach fassen konnte, und das Weiß des Gemäuers war gar nicht weiß, sondern schlecht, und drinnen war wie gewöhnlich nichts, höchstens ein Bauern-Ikon. Wie aber glänzet es über das Land!*
Besser als mit den Worten Erhardt Kästners (1905 – 1975) hätte ich meine Empfindungen gar nicht ausdrücken können, als ich von einer langen Wanderung über die Vulkanroute schließlich kurz vor der  Saline von Fuencaliente am südlichen Zipfel von La Palma auf die kleine Kapelle stieß. Sie war ein Licht im kohlschwarzen Dunkel des Lavagesteins, das ich den ganzen Tag vor Augen hatte. Licht im Dunkel, das braucht man zuweilen und sei es noch so klein.

Wanderungen auf La Palma

la_palma_caldera_rvAbhänge, Krümmungen, Bewegungen gleichsam, die man der völlig reglosen Erde eingezeichnet hätte; Felder, die sich senken, die aussehen, als flössen sie mit ihren Schollen, ihren Gräsern, ihren Wegen der fernen Niederung eines Flusses zu, der nicht zu sehen ist, dann, immer undeutlicher, hebet sich das, steigt wieder auf und unterbricht sich am Rand des Himmels, wie das Licht in der Wiege, in dem Becken des Tages getragen wird. Weiterlesen

Wege 2: Der Weg, ein Lob des Raumes

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„Der Weg: ein Streifen Erde, den man zu Fuß begeht. Die Straße unterscheidet sich vom Weg nicht nur dadurch, daß man sie mit dem Auto befährt, sondern auch dadurch, daß sie nur eine Linie ist, die zwei Punkte miteinander verbindet … Weiterlesen

Immer der Sonne entgegen

Der Sonn entgegenH. Joachim Schlichting. In: Spektrum der Wissenschaft 44/8 (2013), S. 56-58

Ein scheinbar harmloses Wandervorhaben entwickelt sich zum komplexen geografisch-astronomischen Problem.

Wer recht in Freuden wandern will,
der geh’ der Sonn’ entgegen.
Emanuel Geibel (1815 – 1884)

‚Wo käm‘ man da eigentlich hin? Wenn man immerfort der Sonn‘ entgegen ginge?‘
‚Von morgens an? Na, da würd’s’De abends wieder am Ausgangspunkt sein‘, entschied ich, voreilig wie immer…
‚Nein. Neinein‘, sagte er: ‚Davon kann gar keine Rede sein, daß man abends wieder am Ausgangspunkt wäre. Das ist sogar…eine ziemlich komplizierte Angelegenheit… Zuerst ginge man nach Osten. Dann
nach Süden ausholend…Dann, im Laufe des Nachmittags, Süd-West…und schließlich nach Westen: immer der Sonn‘ entgegen‘.
‚Am einfachsten wäre’s, man führte das…Experiment einmal praktisch durch’…
‚Wie, zum Beispiel, der Sonn‘ entgegen zu gehen… Ich sag‘ Dir bloß das Eine: wenn ich unterwegs an einem Strunk eine KIEFERNGLUCKE erblicken sollte: die wird geerntet!‘
‚Kannst Du  Dir nicht Sparassis ramosa merken, Peter?‘ tadelte Fritz…: ‚Eine Unterbrechung kommt selbstverständlich überhaupt nicht infrage. Und wenn uns ein ganzer Harem verlockend in den Weg
tänzelte!'“

Arno Schmidt: Der Sonn‘ entgegen

PDF: Immer der Sonne entgegen

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