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Zerfall

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Morbide Schönheit

Pilze beeindrucken mich immer wieder auf überraschend neue Weise. Im vorliegenden Fall sprießt aus dem Stamm eines gesundheitlich bereits angeschlagenen Baums ein ganzes Bündel eines Pilzes hervor, das wie ein üppiger Blumenstrauß wirkt und den Ernst der Situation zu konterkarieren scheint.
Im näheren Umfeld hat bereits die Trockenheit der letzten Jahre gewütet und einen Kahlschlag bewirkt. Der stehengebliebene Baum war wohl so etwas wie die Hoffnung eines Neuanfangs. Nun zeigt sich mit aller Zwiespältigkeit der wuchernden Schönheit, dass auch für diesen Baum – trotz des Schmucks – die Zukunft fragwürdig geworden ist.

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Reparationen

Ohne Worte

Vanitas vanitatis – ein Zeitkunstwerk

Stein ist der Inbegriff von Solidität und Haltbarkeit. Nimmt man jedoch eine längere Zeitspanne hinzu, so ergibt sich auch der Stein den Einwirkungen von Wind, Wetter, Gravitation usw. geschlagen. Auf diesen Sachverhalt möchte der Künstler des im Foto abgebildeten Exponats aufmerksam machen. Wir haben es also mit dem seltenen Fall eines Kunstwerks zu tun, das nicht wie üblich über die Zeiten hinweg durch aufwändige Restaurierungsarbeiten möglichst in seinem ursprünglichen Zustand gehalten wird, sondern dem normalen Gang der Zeit überlassen bleibt. Es ist also ein Kunstwerk, das sich verändert und uns durch die Art der Veränderung, nämlich durch den eigenen Zerfall, vor Augen führt, dass auch Gestein nicht ewig in der Form bleibt, in der es einmal war.

Auf dem Steinquader ist eine – vielleicht noch etwas länger als dieser selbst haltbare – Tafel angebracht, auf der man erfahrt, dass das Kunstwerk „Lengericher Kalksteinblock in Eisen“ benannt ist und vom Künstler Jupp Ernst aus Steinfurt im Jahre  2006 gefertigt wurde. Außerdem ist vermerkt: Der Stein zerfällt in absehbarer Zeit. Der Rahmen hält noch eine Weile die Form.
In der Physik wird die mit dem Zerfall einhergehende Entwertung als Ausdruck des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik verstanden. Demnach kann die mit dem Begriff der Entropie erfasste Entwertung eines abgeschlossenen Systems nur zunehmen. In diesem Fall kommt es vor allem darin zum Ausdruck, dass chemische und physikalische „Beindungen“ zwischen den Teilen des Steinquaders gelöst werden und die dabei freiwerdende Energie an die Umgebung abgegeben wird. Schließlich, wenn der Stein dann auch noch der Schwerkraft anheimfällt und zerbröselt, geht auch noch potenzielle Energie an die Umgebung über.

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Übergänge 4

Die neuen Strukturen erwachenden Lebens werden begleitet durch die schöne Musterung der durch den Zerfall freigelegten Blattadern der Reste des vergangenen und nunmehr zerfallenden Lebens. Es ist eine Erinnerung daran, dass der Zerfall kein Ende und damit endgültige Vergängnis darstellt, sondern einen Übergang, bei dem die Zerfallsprodukte Ausgangspunkt für das Kommende bedeutet.

Das Foto zeigt die gelben Sterne des Scharbockskraut (Ranunculus ficaria), das auf einem Teppich von zerfallenden Blättern und anderen Überresten der Vorjahresvegetation heranwächst.

Der Lauf der Zeit…

… oder die Zeit des Laufes. Jedenfalls ist die Zeit abgelaufen für den hier zu sehende Schuh so wie der Schuh selbst auch – da läuft nichts mehr. Schuhe sind in der Tat eines der zahlreichen Symbole der Zeit. Zum einen unterliegen sie der Mode und oft kann man ihnen ansehen, aus welcher Zeit sie stammen. Zum anderen sieht man Schuhen meistens an, wie lange sie getragen wurden. Dabei ist es eigentlich umgekehrt, und man müsste gerechterweise sagen, dass nicht sie von jemand getragen wurden, sondern sie jemanden getragen haben. Je abgetragener Schuhe sind, desto länger mussten sie ihn oder sie tragen. Wer dabei wen ertragen musste, kann nicht mehr festgestellt werden. Der hier ganz allein auf weiter Flur ohne seinen gespiegelten Zwillingspartner an- oder verwesende Schuh hat zwar seine Fassung noch nicht ganz verloren, obwohl er darauf gefasst sein dürfte, bis ans Ende seiner Tage nicht mehr zu laufen – die Zeit ist ihm schlichtweg davongelaufen. Das gilt für Laufschuhe gleichermaßen.

Wer sich für Schuhgeschichten im engeren oder weiteren Sinn interessiert, den könnte vielleicht auch noch dieser oder dieser oder dieser oder dieser Beitrag interessieren.

Kunst der chemischen Beständigkeit

Der Zerfall hat viele Gesichter. Hier sieht man ein in die Jahre (viele Jahre!) gekommenes Tor, bei dem das Luftige überhand zu nehmen scheint. Man muss schon auf haltbarere Materialien zurückgreifen, um einen Rest von Stabilität zu bewahren – ein leuchtend blaues Kunststoffband. Weiterlesen

Der Wind der Veränderung

Erntezeit-in-der-Krummhörn_Wenn der Wind der Veränderung stärker wird,
bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.

Altes Sprichwort Weiterlesen

Stille Fenster

Wie oft wirst Du gesehn
Aus stillen Fenstern,
Von denen du nichts weißt…
Durch wieviel Menschengeist
Magst du gespenstern,
Nur so im Gehn…

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Durch diese Fenster wird keiner mehr gesehen. Gesehen in der geteilten Stadt Nicosia.

Das Neue im Alten

Alt_und_neu_rvMan muß darauf achten,
daß die auch dem Neuen innewohnende Veränderlichkeit
uns nicht zu weit von dem entferne,
worin wir wurzeln

Michel de Montaigne (1533 – 1592)

Woran erkennt man das Neue? Direkt erkennt man es an neuen Baumaterialien. Indirekt an den Lichtkreuzen, die kaum zu erkennen auf das Tor projiziert werden. Ihre Entstehung wird hier beschrieben.

Rostzeichen in der Ästhetik des Zerfalls

Rostzeichen_rvSie wußte immer, wo sie im Gestöber der Zeichen sich selbst finden konnte, und das war es, was göttliche Geister aus dem Chaos Wissen ziehen ließ. Gesträubt hatte sie sich nur gegen die Idee, auch normale Schriftzeilen so zu lesen wie die Botschaften des Rostes oder die Tänze der Kiesel im Brunnenbecken. Dabei war das einfach, man mußte nur gnadenlos ignorieren, was der Schreiber selbst mitteilen wollte.
Sten Nadolny (*1942)

Chemisch gesehen ist Rost ein wasserhaltiges Oxid. Wie wir alle wissen, entsteht er von selbst an feuchter Luft. Dabei verbindet sich das Eisen in Gegenwart von Wasser – ohne dass höhere Temperaturen nötig wären – mit dem in der Luft reichlich vorhandenen Sauerstoff. Da Rost porös ist, schützt eine Rostschicht nicht vor weiterer Verrostung. Durch die Aufnahme des Sauerstoffs nimmt das Volumen des rostenden Eisens zu.
Das hat zur Konsequenz, dass beispielsweise Stahlbetonteile (Stahl besteht hauptsächlich aus Eisen), deren Stahlteile in Kontakt mit der Luft geraten,  schließlich durch Rostbildung und die dadurch bedingte Ausdehnung zum Bersten gebracht werden.
Rosten ist ein Zerfallsvorgang par excellence und hat daher schon lange auch eine metaphorische Dimension. „Wer rastet, der rostet“ heißt es da, wobei Rosten mit Altern, Verfall, Krankheit u.ä. gleichgesetzt wird.
In den letzten Jahrzehnten hat man jedoch auch eine ästhetische Dimension in der mit dem Rosten einhergehenden Strukturbildung entdeckt. Verrostende Designobjekte schmücken Gärten und Balkone und manch ein vor sich hin rostendes Kunstwerk im öffentlichen Raum wird erst eigentlich durch den Vorgang des Rostens zur Kunst. Die Spannung zwischen Ästhetik der entstehenden Roststrukturen, zwischen Zufall und Notwendigkeit und dem irreversiblen Verfall, der allem Irdischen anhängt, ist dabei oft Teil des Programms.

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