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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Eiskunstlaufen zwischen Physik und Poesie

An Erika erhebt sich kein Haar, an Erika flattert kein Ärmel, an Erika ruht kein Staubkorn sich aus. Ein eisiger Wind ist aufgetreten, und da läuft sie aufs Feld, die Eiskunstläuferin in ihre kurzen Kleidchen und den weißen Schlittschuhen. Die glatte Fläche von allen reicht von einem Horizont zum anderen und weiter! Sirren auf Eis! Die Organisatoren der Veranstaltung haben das richtige Tonband verlegt, so daß diesmal keine Musicalpotpourris ertönen, und das unbegleitete Flirren der Stahlkufen wird immer mehr zu metallisch-tödlichem Schaben, ein kurzes Aufblitzen, ein für alle unverständliches Morsezeichen am Rande der Zeit. Sie holt heftig Schwung, die Läuferin, und wird von einer riesigen Faust in sich selbst komprimiert, gesammelte Bewegungsenergie, die sich in der einzig möglichen Zehntelsekunde aus sich hervorschleudert zu einem millimetergenau sitzenden Doppelaxel, voll ausgedreht, und auch die Landung genau auf dem Punkt. Die Wucht des Sprungs staucht die Läuferin erneut zusammen, sie ist mit mindestens dem; doppelten Eigengewicht belastet und preßt dieses Gewicht nun in die Eisfläche hinein, die nicht nachgibt. Der Bewegungsapparat der Eisläuferin fräst sich in den diamantharten Spiegel, in das zarte Gestänge ihrer Bänder hinein, bis an die Grenze der Knochenbelastbarkeit. Und jetzt eine gehockte Sitzpirouette. Aus demselben Schwung heraus! Die Kunstläuferin wird zu einer zylindrischen Röhre, einem Erdölbohrkopf; Luft stiebt weg, Eispulver flüchtet kreischend, Atemwolken verfliegen, ein heulendes Sägen ertönt, doch unzerstörbar das Eis, keine Spur einer Beschädigung! Die Drehung sänftigt sich jetzt, schon kann man die anmutige Gestalt wieder als solche erkennen, die undeutliche hellblaue Platte ihres Röckchens beginnt zu wippen, sich sorgsam in Falten zu legen. Es folgt ein letzter Knicks noch vor den Rängen rechts und einer vor den Rängen links, und sie fährt winkend und blumenschwenkend davon. Doch die Ränge bleiben unsichtbar; vielleicht nimmt das Eismädchen ja nur an, daß sie da sind, weil es den Applaus deutlich gehört hat. In zügigen Schwüngen läuft das Mädchen ab, wird schon ganz klein in der Ferne, keine größere Ruhe als dort, wo der Saum des hellblauen Laufkostüms auf den prallen rosa Strumpfhosenschenkeln ruht und dran klatscht, hüpft, weht, schwingt, das Zentrum aller Beruhigung – dieses kurze Kleid, diese weichsamtenen Glocken und Falten, dieser enganliegende Leib mit den Stickereien am Ausschnitt.

Elfriede Jelinek (* 1946) versteht es die physikalischen Vorgänge bei einem Eiskunstlauf in eindrucksvollen Bildern zu erfassen und auf nachvollziehbare Weise zu beschreiben. Hier hat sich eine Dichterin daran gemacht, die Details der mechanischen Wechselwirkungen zwischen menschlichem Körper und einer festen Eisfläche in den Blick zu nehmen und als wesentliche Aspekte des ansonsten wie von selbst ablaufenden Geschehens bewusst zu machen. Sie fügt den üblichen auf die Ästhetik und die sportlichen Figuren beschränkten Darstellungen wesentliche Aspekte hinzu. Selbst die Akustik des Flirrens und Sirrens, die besonders bei nicht allzu dickem Eis die Szenerie untermalt entgeht ihr nicht.


* Elfriede Jelinek. Die Klavierspielerin. Reinbek 1994, S. 104f

Bildrechte: https://creazilla.com/de/nodes/2477-eiskunstlaeuferin-silhouette

 

Diskussionen

6 Gedanken zu “Eiskunstlaufen zwischen Physik und Poesie

  1. Wieder ein sehr feines literarisches Buchzitat.
    Danke dafür!
    HG Lu

    Verfasst von finbarsgift | 2. Dezember 2020, 11:09
  2. Ja, das ist beeindruckend. Nicht nur von den Physikkenntnissen sondern von der unbändigen Lust her, diese Vorgänge zu beschreiben.
    Da sind Rosinen drin, wie das mit der „riesigen Faust“.

    Erst gestern dachte ich über Läufer wie Bekele, Kipchoge und andere nach, die jetzt schon seit fast 20 Jahre Weltklasse sind.
    Haben die jetzt – gepielt- je 100.000 km Training hinter sich?? Das ist meine Vermutung. Wie hält das ein Bewegungsapparat aus. (Jelinek spricht davon). Für mich sowohl physikalisch wie anatomisch ein Rätsel.

    Verfasst von kopfundgestalt | 2. Dezember 2020, 13:12
  3. Ja, das sind erstaunliche Leistungen, die du da ansprichst. Es zeigt wie groß das menschliche Potenzial ist, wenn man es denn mit Willen und Ausdauer auszuschöpfen versteht. Für den modernen Durchschnittsmenschen ist das so weit weg, dass er es sich kaum vorzustellen vermag.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 2. Dezember 2020, 14:07

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