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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Wenn das Licht in Farben sich erbricht…

eisfarben_dsc08568rvGott, heißt es, schied die Finsternis vom Licht,
Doch mocht es ihm nicht ganz gelingen,
Denn wenn das Licht in Farben sich erbricht,
Mußt es vorher die Finsternis verschlingen.

Wer aber das Licht in Farben will spalten,
Den mußt du für einen Affen halten.
Sie sagen’s auch nur, weil sie’s gelernt;
Das Untersuchen ist weit entfernt.

Johann Wolfgang von Goethe

Nachdem die Frostperiode nunmehr vorerst ihrem Ende entgegengeht, mache ich mich daran, die Regentonne aus Kunststoff vom Eis zu befreien. Sie hat zum Glück dem enormen Druck widerstanden, den das beim Gefrieren sich ausdehnende Eis auf die Tonne ausgeübt hat. Dem Eis blieb nicht anderes übrig als sich über die Öffnung hinausgehend hochzuwölben. Beim Zerbrechen des Eises zeigt dieses plötzlich lebhafte Farben. Brechen ist hier allerdings nicht im optischen Sinne, sondern ganz real gemeint als Entstehung winziger Bruchspalten im Eis, in die Luft eindringt. Die Farben entstehen auch nicht durch Mischung mit Finsternis, wie es Goethe gegen Newton polemisierend meint, sondern durch Interferenz:  Beim Passieren der beiden Grenzschichten zwischen Eis und Luft in den Eisspalten wird jeweils ein Teil des Lichts  reflektiert und kommt im Auge des Betrachters phasenverschoben zur Überlagerung. Abhängig von der Spaltdicke und Betrachtungsrichtung werden auf diese Weise einzelne Farben des sichtbaren Lichts hervorgehoben, andere geschwächt. In einem früheren Beitrag wurde dieser Vorgang etwas genauer und allgemeiner beschrieben.

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Diskussionen

7 Gedanken zu “Wenn das Licht in Farben sich erbricht…

  1. Wie stets meinen herzlichen Dank! Übrigens sind das, soweit ich weiß, zwei getrennte Gedichte (aus den Zahmen Xenien). Liest man sie als ein, stolpert das Versmaß (noch mehr als sonst 🙂 ).

    Verfasst von simonsegur | 31. Januar 2017, 16:49
    • Ob es zwei verschiedene Gedichte sind, ist die Frage. Immerhin stehen beide „Strophen“ direkt hintereinander und beziehen sich inhaltlich so deutlich aufeinander, dass das möglicherweise kein Zufall ist. Und könnte der Wechsel im Versmaß nicht Absicht sein? In der ersten Strophe geht es um Goethes An-Sicht in der zweiten um die von Goethe lächerlich gemachte Newtonsche Auffassung. Vielleicht könnte man sogar noch die folgende „Strophe“ hinzunehmen, in der Goethe von Hokuspokus spricht.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 31. Januar 2017, 21:19
  2. Interessant. Muss mal in der Weimarer Ausgabe nachschauen. In der Cotta-Ausgabe von 1695 (!) ist jedenfalls noch eine Xenie dazwischen: „Die beiden lieben sich gar fein,/Mögen nicht ohneeinander sein;“ usw. Da geht es auch um Hell und Dunkel.
    Und rein formal sind Goethes Xenien schon sehr geschlossen, also nicht mehrstrophig (Wenn ich mich, um Sam Hawkins zu zitieren, nicht irre 🙂 ).

    Verfasst von simonsegur | 31. Januar 2017, 21:47
    • Ich habe aus der Berliner Ausgabe (Poetische Werke [Band 1–16], Band 2, Berlin 1960 ff, S. 368-381) zitiert. Das stehen die beiden Gedichte direkt hintereinander. Wie dem auch sei, du wirst sicher Recht haben, aber sie passen als „Strophen“ gelesen sehr gut. Mir ging es und geht es in diesem Blog ganz allgemein um Beziehungen zwischen Literatur, Physik und Kunst und da passt Goethe doch sehr häufig. Gerade was optische Phänomene betrifft, war auch experimentell sehr elaboriert, auch wenn er gegen den Newtonschen Mainstream polterte.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 1. Februar 2017, 18:24
      • Und genau diese Mischung aus Naturwissenschaft und Kunst gelingt Dir auch wunderbar. Ein generelles Dankeschön noch einmal dafür. Gerade die Rezeption von Goethes Farbenlehre verwirrt mich allerdings in letzter Zeit: Da wird öfters gepriesen, wie modern Goethe gewesen sei und sich erst heute zeige, dass er doch „irgendwie“ recht gehabt hätte und nicht Newton!? Liebe Grüße!

        Verfasst von simonsegur | 1. Februar 2017, 19:56
      • Nochmals danke! Kurz zu Goethe: Goethes Farbenlehre ist nicht vereinbar mit der im Rahmen des physikalischen Paradigmas vertretenen Auffassung von der Natur des Lichts. Dennoch ist seine Beschreibung in gewissen Grenzen in sich konsistet und dem lebensweltlichen Zugang zu Licht-/Farbphänomenen näher als die physikalische. Das liegt teilweise daran, dass er physiologische und wahrnehmungstheoretische Aspekte in seine Betrachtung mit einbezieht. Das wird von vielen Menschen geschätzt, selbst von einigen Physikern. Gruß, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 1. Februar 2017, 21:30
      • Nochmals danke retour! Wahrnehmungstheoretische Aspekte verstehe ich, physiologische nicht so sehr (Goehte glaubte ja wohl sowas in die Richtung, dass sich Licht erst im Auge des Betrachters teilt oder so). Dennoch merci für den erklärenden Hinweis!

        Verfasst von simonsegur | 2. Februar 2017, 15:31

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