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Physik und Kultur

Wo kein deutliches Bild ist, ist keine Vorstellung – (Lichtenberg 1)

undeutlich_dsc00409_rvWas würde aus unserm Verstand werden,
wenn alle Gegenstände das würklich wären
wofür wir sie halten?

Georg Christoph Lichtenberg

Als Galileo Galilei im Jahre 1610 sein Fernrohr auf den Mond richtet erliegt er der Dialektik „einer vertrackt reflektierten Optik (und sieht) die Erde als Stern im Weltall“ (Hans Blumenberg). Die charakteristische Topographie des Mondes überzeugt ihn von dessen Erdähnlichkeit und untermauert im Umkehrschluss auf anschauliche Weise den kopernikanischen Gedanken, dass die Erde ein Himmelskörper sei. Erde und Mond haben fortan ein neues Gesicht.
Der Blick zum Mond löst auch heute noch ganz unterschiedliche Gedanken und Empfindungen aus. Für die einen ist er nichts als eine kalte öde und lebensfeindliche Steinwüste, andere sehen in ihm einen guten Freund. Sie preisen sein mildes Licht und seinen stillen Gang. Martin Wagenschein spricht diesen beiden Sehweisen entsprechend von „Die beiden Monde“ und plädiert dafür, beide Aspekte gleichwertig nebeneinander bestehen zu lassen. Der Mond könne sowohl Gegenstand der Physik als auch Freund der Dichter und der Liebenden sein, ja sogar beides zusammen.
Man könnte in diesen beiden Ansichten sinnbildlich die lichte und die dunkle Seite des Mondes sehen. Schaut man sich die tatsächliche Grenze zwischen den beiden lunaren Hemisphären, der sichtbaren und der unsichtbaren etwas genauer an, so entdeckt man dort einen Krater, der den Namen Lichtenberg trägt.
Der Namensgeber Georg Christoph Lichtenberg war zu Lebzeiten selbst ein Grenzgänger zwischen Physik und Literatur, Rationalität und Emotionalität, Wissenschaft und Lebenswelt unterwegs und hat sich als Aufklärer aus dem Geist der Experimentalphysik in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben – ein Aufklärer, der sich anschickte, auch über die Aufklärung aufzuklären: „Die Vernunft sieht jetzt über das Reich der dunklen, aber warmen Gefühle so hervor wie die Alpen-Spitzen über die Wolken. Sie sehen die Sonne reiner und deutlicher, aber sie sind kalt und unfruchtbar. Brüstet sich mit ihrer Höhe“ (L 406).
Dem Grenzgänger Lichtenberg verdanken wir eines der brillantesten, wennauch vielleicht unbekanntesten Werke der deutschen Literatur , die „Sudelbücher“, denen locker und frisch formulierte oft im schützenden Bereich des Konjunktivs gehaltene Notizen anvertraut wurden. Diese „Milchstraße von Einfällen“ (J 344), Gedankensplittern und Aphorismen stellen eine einmalige literarische Form der teilnehmenden Beobachtung und konstruierten Erkenntnis dar, ein Reservoir noch nicht festgelegter und damit lebendiger Weisheiten, in denen das eigene Denken immer wieder auf die Probe gestellt wird. Der Leser wird dadurch nicht selten in einen Denkprozess hineingezogen, in dem er vertraut Geglaubtes wie zum ersten Mal sieht und das Alltägliche zum geistigen Abenteuer wird.

Mit diesem Beitrag beginne ich eine in unregelmäßiger Folge erscheinende Serie zu Georg Christoph Lichtenberg. Dabei möchte ich insbesondere auf Leistungen Lichtenbergs eingehen, die m.E. bislang zu wenig Beachtung gefunden haben.

*Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799). (Die in Klammern stehenden Buchstaben und Ziffern beziehen sich auf die entsprechenden Stellen in den Sudelbüchern).

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Wo kein deutliches Bild ist, ist keine Vorstellung – (Lichtenberg 1)

  1. Dieses Zitat von Lichtenberg über die Aufklärung benennt sehr treffgenau und anschaulich, was ich dazu empfinde. Danke für’s Posten und den Literatur-Tipp.

    Verfasst von ele21 | 29. Januar 2017, 12:00

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