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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Zur Bedeutung der Schönheit (Lichtenberg 9)

prisma_img_1724_rvDer erste deutsche Experimentalphysiker und Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) suchte nach Möglichkeiten, Neues zu finden, etwas was bislang noch nicht gesehen oder zumindest so nicht gesehen wurde. Dabei misst er in der Kantschen Tradition der Komplementarität von Denken und Anschauung der Visualisierung selbst des Unsichtbaren große Bedeutung bei. Indem er davon ausgeht, dass sich „die Menschen (…) Bilder von allem machen“ müssen, versucht  er selbst den Gedanken als den Elementen des Denkens Bildhaftes und Farbiges abzuringen:Er konnte einen Gedanken, den jedermann für einfach hielt, in sieben andere spalten wie das Prisma das Sonnenlicht, wovon einer immer schöner war, als der andere, und dann einmal eine Menge anderer sammeln und Sonnenweiße hervorbringen, wo andere nichts als bunte Verwirrung sahen“ (J 597)*. Hier wird nicht nur in einer eindrucksvollen Bildlichkeit auf die mögliche Mehrperspektivität eines Gedankens verwiesen, sondern es werden auch die das Denken möglicherweise begleitenden und antreibenden ästhetischen Empfindungen, in Betracht gezogen.
In der Tat ist es für Lichtenberg „eine große Frage, wodurch in der Welt mehr ist ausgerichtet worden: durch das gründlich Gesagte, oder durch das bloß schön Gesagte. Etwas zugleich sehr gründlich und sehr schön zu sagen, ist schwer; wenigstens wird in dem Augenblick, da die Schönheit empfunden wird, die Gründlichkeit nicht ganz erkannt“. Die ästhetischen Bemühungen kommen insbesondere in der Suche nach einem „Lessingschen“ Ausdruck, „der dem Gedanken sitzt wie angegossen“ (E 204) zum Ziel. Wenn „der Gedanke (…) in dem Ausdruck noch zuviel Spielraum“ hat, dann ist nach Lichtenberg „mit dem Stockknopf hingewiesen (worden), wo ich mit der Nadelspitze hätte hinweisen sollen“ (D 96). Die Qualität eines Gedankens und der Ausdruck sind eben nicht zu trennen: „Ein guter Ausdruck ist so viel wert als ein guter Gedanke, weil es fast unmöglich ist, sich gut auszudrücken ohne das Ausgedrückte von einer guten Seite zu zeigen“ (E 324).
Als Lehrender und Lehrbuchautor der Physik bezieht er diese Erkenntnis auch auf die Lehrbücher, indem er feststellt: „Zu einer allgemein brauchbaren Grundlage zu Vorlesungen sind die meisten Handbücher der Physik zu weitläufig; es fehlt ihnen an der aphoristischen Kürze und der Präcision des Ausdrucks, der zu einem solchen gehört. Ein zu einer Grundlage brauchbares Lehrbuch muß nur den Kern seiner Wissenschaft oder Kunst in der gedrängtesten Kürze enthalten, daß der Lehrer in jeder Zeile leichte Veranlassung findet das Angegebene zu erklären“ (Aus: Physikalische und mathematische Schriften, 9.Band Teil I; S. 133f)..
In den vollen Genuss der Lichtenbergschen Metaphorik kommt jedoch oft nur derjenige, der die physikalische Bildlichkeit durchschaut, wie das folgende Zitat illustrieren möge: “Dieses wollen wir festsetzen solange wir hier noch in dem Aphelio unsrer Materie sind, denn wenn wir erst in das Perihelium kommen, da mögten wir es über der Hitze vergessen“ (D 489) . Ob Lichtenberg klar gewesen ist, dass er dabei einen sehr exzentrischen Trabanten vorausgesetzt hat? In Göttingen – und nicht nur dort – herrscht kalter Winter, wenn die Erde das Perihel durchläuft. Zuzutrauen wäre ihm das gewesen.

Das Foto stellt ein transparentes, mit zahlreichen Facetten geschliffenes Glasobjekt dar. Aufgrund der vielfachen prismatischen Zerlegung des weißen Lichts kommt man nicht umhin, das farblose Glastier in lebhaften Farben zu sehen, die sich übrigens mit dem Blickwinkel ändern.

* Hier und im Folgenden geben Ziffern-Buchstaben-Kombinationen die Zitate in den Sudelbüchern an (Georg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe Bd. I u. II. München 1968–1992) .

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Diskussionen

7 Gedanken zu “Zur Bedeutung der Schönheit (Lichtenberg 9)

  1. Sprichwörter-Poesie z.b Die Spreu vom Weizen trennen, machen es vor, wie man vielleicht auch in der Physik Lehrsätze -auf den Punkt bringen- könnte.

    Verfasst von Malabar | 23. März 2017, 10:48
  2. oh, das Photo ist ja toll!

    Verfasst von ele21 | 23. März 2017, 11:09
  3. Entschuldige, dass ich erst jetzt antworte. Die Idee finde ich ausgesprochen gut. Sie ist m.E. voll auf der Linie von Lichtenberg. Danke!

    Verfasst von Joachim Schlichting | 26. März 2017, 19:31
  4. Wobei es halt auch den Empfänger ankommt. Je nach kulturellem Hintergrund usw. versteht man ein Sprichwort in seiner ganzen Tragweite, Tiefe oder man kann nichts damit anfangen, weil man eben nicht das Hintergrundswissen hat, das es braucht um eben Poesie oder Sprichwörter, Lehrsätze zu „entschlüsseln“. Da wäre die Frage, ob es nicht mehr Sinn machen würde, dass jede Kultur eben die Lehrsätze versucht in seiner Sprache lebendig dar zu stellen.

    Verfasst von Malabar | 27. März 2017, 10:38

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