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Physik im Alltag und Naturphänomene

Fliegen – zwischen Ärgernis und Bewunderung

Fliegen haben es mir angetan. Diese Sympathie übertrifft bei weitem die Antipathie, die manchmal bei allzu aufdringlichen Besuchen aufkommt. Dabei tun die Fliegen einem eigentlich nichts. Das auf die Dauer nervige Summen bzw. Brummen ist eine physikalische Nebenwirkung ihres Flugs. Die Flügel bewegen sich einfach so schnell auf und ab, dass die Schwingung eine Frequenz erreicht, die im akustischen Bereich liegt. Je kleiner die Fliege, desto größer die Flügelfrequenz und desto höher der Ton. Und wenn sie einem über den nackten Arm oder gar im Gesicht herumspazieren, entsteht ein störendes Kitzeln, an das ich mich nie gewöhnen konnte. Vielleicht liegt es ja zum Teil an der Technik, mit der sich diese winzigen Tierchen an unserem Körper anklammern.
Auch wenn die Fliege noch so leicht ist, und die Schwerkraft für sie keine Gefahr darstellt (auch wenn sie von der Zimmerdecke auf den Boden fiele, trüge sie keinen Schaden davon), so würde es ihr nicht ohne Weiteres gelingen, auf allzu schiefen Ebenen oder sogar überkopf zu laufen. Damit das gelingt,  kommt es darauf an, dass sie die Kontaktfläche mit dem jeweiligen Untergrund möglichst groß macht. Dazu haben Fliegen und andere Kleintiere ganze Bündel von Hafthärchen ausgebildet, die beim Gehen auf glatten Oberflächen ein Sekret produzieren, durch das u.a. Grenzflächenkräfte ausgeübt werden. Das sind Kräfte, die wir manchmal auch nutzen, z.B. beim Umblättern in einem Buch mit befeuchtetem Finger. Die Grenzfläche zwischen Feuchtigkeit und Finger einerseits und dem Papier andererseits ist energetisch günstiger als die Grenzfläche zwischen Finger und Papier.
Das klingt alles leichter als es ist. Immerhin kommt es bei der Fortbewegung der Fliege ja nicht nur darauf an, festzukleben, sondern die Haftkraft auch immer wieder zu überwinden. Und das geht offenbar schnell, wenn man sieht wie flinkt das Tierchen über die Fensterscheibe flitzt.

Bei rechter Betrachtung sind Fliegen nicht nur nervig und interessant, sondern auch schön. Man denke etwa an die filigrane Strukturierung ihrer Flügel oder die irisierenden Strukturfarben, die sich je nach Blickwinkel ändern können. Daher gehören auch Dichter zu den heimlichen Verehrern und Beobachtern von Fliegen.

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Diskussionen

15 Gedanken zu “Fliegen – zwischen Ärgernis und Bewunderung

  1. Ich mag Fliegen. Ich habe das erst kürzlich gelernt.
    Über die jeweiligen Kontaktflächen hatte ich im Laufe der Jahre schon einiges gelesen, aber im Grunde da „nur Sätze angehäuft“.

    Wozu sind eigentlich die Endkrallen der Beinchen?

    Und könntest Du vielleicht den Satz:
    „Die Grenzfläche zwischen Feuchtigkeit und Finger einerseits und dem Papier andererseits ist energetisch günstiger als die Grenzfläche zwischen Finger und Papier.“
    etwas näher ausführen?

    Gruß
    Gerhard

    Verfasst von kopfundgestalt | 12. Oktober 2018, 01:27
    • Ich denke immer, die und die Erklärung kannst du nicht schon wieder bringen, weil ich unbewusst unterstelle, mein Blog sei ein Buch und jeder habe die Seiten (also Beiträge) vorher gelesen. Das mag der Grund dafür sein, dass einige Erklärungen viel zu kurz ausfallen, wenn sie früher schon einmal gegeben wurden. Aber zur Sache: Die Natur ist bestrebt, unter den gegebenen Bedingungen so viel Energie wie möglich an die Umgebung abzugeben (zivile Version des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik). Wenn zwischen zwei Medien, also normalerweise meinem Finger und der Luft eine Grenzfläche ausgebildet wird, so ist dazu Energie nötig. Wenn die Finger stattdessen mit Wasser in Berührung kommen, ist dazu weniger Energie nötig, es kann also überschüssige Energie abgegeben werden. Das Wasser haftet folglich am Finger, weil zum Ablösen wieder Energie aufgebracht werden muss, um der größeren Grenzflächenenergie mit der Luft zu genügen. Man sagt auch der (nicht fettige) Finger ist hydrophil. Ähnlich liegen die Verhältnisse zwischen Papier und Wasser. Wenn ich in einem Buch blättere, so gelingt das am besten, wenn die Reibung zwischen Blatt und Finger groß ist. Will man die Haftung vergrößern, befeuchtet man den Finger. Weil auch das Papier hydrophil ist, haftet der Finger vermittels des Feuchtigkeitsfilms am Papier und zieht dieses beim Blättern mit. Diese Analogie wollte ich beim anhaftenden Fuß der Fliege nutzen. LG. Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Oktober 2018, 10:21
      • Vielen herzlichen Dank, Joachim!
        Ich sollte mich näher damit befassen, damit „es runder wird“ oder „heller“.
        Soweit ich weiß, gibt es ein Max-Planck-Institut zum Thema.

        Ein Blog ist kein Buch. Ich hatte mal einer Bloggerin unterstellt, sie halte mich für dumm, weil sie mir in einer Antwort etwas mir Bekanntes in großer Breite erzählte. Sie entgegnete, daß ja immer Leute mitlesen (auch die Kommentare), die völlig neu eingestiegen sind. Daher war der Kommentar an mich eigentlich an alle geschrieben. Das also muß man wissen.

        Danke nochmals für deine lieben Erklärungen!

        Verfasst von kopfundgestalt | 12. Oktober 2018, 13:06
      • Das von mir angesprochene Problem habe/hatte ich auch. Da auch einige Physiker meinen Blog mitlesen – obwohl kaum kommentieren – mag einiges für sie trivial wirken. Aber ich muss immer davon ausgehen, dass einige dabei sind, die gerade auf einfache Erklärungen warten. Deswege bin ich auf entsprechende Rückmeldungen angewiesen. Eines meiner Anliegen ist es zu zeigen, dass Physik mehr ist als das gehasste Fach in der Schule, das sie bei der erst besten Gelegenheit abgewählt haben.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Oktober 2018, 17:14
      • Das Problem im Netz ist, daß man nicht weiß, „zu wem“ man spricht und demzufolge auch welche Sprache derjenige benutzt.
        Deshalb traue ich Debatten im Netz wenig zu.

        Ich habe im übrigen auch nicht gerne Physik gelernt. Unser Mathelehrer war dagegen charismatisch, deshalb mochte ich Mathematik.
        Du hast das Fahrwasser verstärkt, das schon zuvor etwas am Rinnen war. Danke.

        Verfasst von kopfundgestalt | 12. Oktober 2018, 18:37
      • Danke, lieber Gerhard. Für Physik muss man irgendwann einmal „erweckt“ werden. Gute Physiklehrer*innen sind dafür eine (fast) notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Oktober 2018, 19:13
  2. Mal wieder ein Beitrag ganz nach meinem Geschmack, Liebe Grüße
    Juergen

    Verfasst von juergenkuester | 12. Oktober 2018, 09:45
  3. Danke auch von mir. Ästhetisch habe ich nichts gegen Fliegen einzuwenden, und sie sind ja auch nützlich. Aber mit gewissem Schrecken denke ich an eine Meditation in einem Wüstenzelt. Da setzten sich die Fliegen gleich massenhaft in alle Öffnungen des Gesichts. Merkwürdigerweise gelang es aber doch nach einer Weile, den Wegscheuch-Reflex zu unterbinden, ruhig zu bleiben und sich einfach nicht mehr drum zu kümmern.

    Verfasst von gkazakou | 12. Oktober 2018, 10:59
  4. Ich hoffe ich mach jetzt aus der Mücke keinen Elefanten..;-)…mit dem Hinweis, dass nach dem Mausklick auf „zu den heimlichen Verehrern “ die Verlinkung bei .Hinrich Brockes (1680 – 1747) nicht zu: https://de.wikipedia.org/wiki/Barthold_Heinrich_Brockes, führt.
    Die Fliegen verbinde ich mit der Jugenderinnerung von im Kuhstall hängenden gelb-klebrigen Streifen. Die Fliegen die damit in Berührung kamen, verenden darauf kläglich. Tierschutz für Fliegen, Insekten usw. gab und gibts auch heute noch nicht.

    Verfasst von Malabar | 12. Oktober 2018, 17:44
    • Vielen Dank für den Hinweis. Der Schaden ist inzwischen behoben.
      Was die klebrigen Fliegenbänder betrifft, so hat mich das als Kind ebenfalls sehr schockiert. Aber das war noch zu einer Zeit, da der Bauer sich der gerade geborenen Kätzchen dadurch entledigte, dass er sie gegen die Wand schleuderte.
      Angesichts des Insektensterbens könnte man hoffen, dass auch dort ein Umdenken in Gang kommt.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Oktober 2018, 18:14
  5. Traurig aber wahr. Landwirt= Tierliebend sind zwei verschieden paar Schuhe. Es gibt übrigens ein Fliegentöterpilz:https://de.wikipedia.org/wiki/Fliegent%C3%B6ter

    Verfasst von Malabar | 12. Oktober 2018, 18:23
  6. Da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht, aber jetzt seh ich die kleinen Nervensägen mit anderem Auge 😉

    Verfasst von ch | 13. Oktober 2018, 12:53

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