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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Rechteckige Blicke

Obwohl Rechtecke, gerade Linien, Kreise … in der Natur nur in mehr oder weniger guter Annäherung vorkommen, spielen sie in unseren Wahrnehmungen und darin zum Ausdruck kommenden Anschauungen, Einschätzungen und Beurteilungen natürlicher – oder besser: naturwüchsiger Dinge und Vorgänge eine kaum zu überschätzende Rolle. Das nebenstehende Foto ist dafür ein typisches Beispiel. Wir blicken auf eine flächenhafte Abgrenzung einer Baustelle. Man könnte das Material im Hintergrund vielleicht als Sperrholz ansehen, wenn es nicht die krummen Schattenlinien enthielte. Sie können nur von dem Drahtgitter ausgehen, das aus rechteckigen Feldern besteht. Die Verzerrungen der Schatten können also nur von einer unebenen Projektionsfläche herrühren, wie sie z.B. durch eine flexible Folie oder Plane gegeben wäre. Das ist hier auch tatsächlich der Fall.
Die Erkenntnis, dass erst der Blick durch ein schattenwerfendes Gitter eine realistische Einschätzung der Unebenheit einer Projektionsfläche erlaubt, wird bei der Visualisierung von dreidimensionalen Strukturen auf zweidimensionalen Medien (z.B. Papier, Bildschirm) seit langem in verschiedenen Bereichen ausgenutzt. Manchmal reichen auch bekannte Strukturen aus (z.B. Gebäude, Fenster), die auf bestimmten Projektionsflächen (z.B. einer Fensterscheibe) verzerrt erscheinen, um Rückschlüsse auf die ansonsten nicht zu erkennende Form der Flächen zu ziehen.

Diskussionen

16 Gedanken zu “Rechteckige Blicke

  1. fantastisch mal wieder (immer wieder)! Dass gerade Drähte solche wilden Schling-Schatten werfen, könnte wieder Gegenstand philosophisch-poetisch.psychologischer Erörterungen sein.Ja, auch politischer. Nehmen wir eine so gradlinige behördlich Anordnung wie „Maskenpflicht für alle“ – die sich auf ein kunterbuntes Menschenvölkchen abbildet. Die Schatten, die diese Anordnung wirft, machen das ungleichmäßige, lebendige Profil der Bevölkerung wahrnehmbar….. –

    Verfasst von gkazakou | 14. September 2020, 00:31
    • Schön, wie du in diesem Phänomen wieder ein sehr passendes und auch anschauliches Bild in anderen Bereichen findest. Darüber hatte ich vorher noch nicht nachgedacht.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. September 2020, 12:13
      • ich freu mich, dass du es aufgreifst. Ich denke nun weiter darüber nach: das Staatshandeln (insbesondere das bürokratische) wirkt ja oft wie ein Gitter aus geraden Linien, und wenn man dann auf die Schattenwürfe schaut, erkennt man nichts mehr von irgendeiner Gradlinigkeit. Man nehme zB 500 „unbegleitete Jugendliche“ und verteile sie wie Stäbe gleichmäßig über eine geografische Fläche. Wie wird sich jede dieser Linien auf dem gesellschaftlichen Untergrund abbilden? Wie wird sich ihr „Schicksal“ gestalten?

        Verfasst von gkazakou | 14. September 2020, 12:47
      • Ich denke auch, dass solche groben Bilder immerhin Prozesse abbilden, Einflüsse sichtbar und Abweichungen erklärbar machen, die ansonsten sehr vieler Worte bedürfen, die sich ab einer bestimmten Anzahl gegen sich selbst richten können.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. September 2020, 14:28
      • ja, drum liebe ich Bilder.

        Verfasst von gkazakou | 14. September 2020, 14:53
  2. Fantastischer Fund, Joachim!

    Verfasst von kopfundgestalt | 14. September 2020, 10:46
  3. „ Obwohl Rechtecke, gerade Linien, Kreise … in der Natur nur in mehr oder weniger guter Annäherung vorkommen…“ Meines Wissens ist der Meereshorizont die einzige in der Natur vorkommende geometrische Figur, die keine Annäherung mehr darstellt sondern zu mindest in der menschlichen Wahrnehmung perfekt erscheint. Oder irre ich mich? Wobei – eben denke ich, dass die Sonnenscheibe einen ziemlich perfekten Kreis bildet…

    Verfasst von derdilettant | 14. September 2020, 13:30
    • Das Problem ist, wo man die Grenze ziehen will. „Ziemlich perfekt“ ist zumindest mathematisch gesehen nicht perfekt. Und wenn man nicht nur den Augenschein gelten lassen will, so sind die Erdoberfläche und damit insbesondere die Meeresoberfläche nicht perfekt. Die ungleiche Verteilung von unterschiedlich dichten Materialien des Erdkörpers sorgen dafür, dass die Graviationskraft entsprechend variiert und damit die äußere Gestalt der Erdoberfläche. Und wenn man sich die Sonne mit einem geeigneten Fernrohr anschaut, sieht man dass die Sonnenoberfläche von Sonneneruptionen u.ä. deformiert ist. Die idealen mathematischen Formen haben ihren großen Wert darin, dass man die Realität als mehr oder weniger große Abweichung von den Idealgestalten beschreiben kann: Sonne, Mond, Sterne, Erde es sind alles in etwa Kugeln und darin ähneln sie sich.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. September 2020, 14:41
      • Das leuchtet ein 🙂 So gesehen gibt es Perfektion ja keinesfalls in der Welt der Dinge. Die Mathematik als ein „Gedachtes“ hat es da natürlich leichter. Auch ein aufs Papier gezeichnetes Dreieck kann ja im Grunde kein „perfektes“ sein, sondern nur, wofür es steht. Jedenfalls hat mich schon immer fasziniert, dass der Meereshorizont doch „wie mit dem Lineal gezogen“ aussieht – etwas, was man sonst in der Natur nirgends findet, meine ich.

        Verfasst von derdilettant | 14. September 2020, 15:01
      • So sehe ich das auch. 🙂

        Verfasst von Joachim Schlichting | 14. September 2020, 15:11

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