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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Zwischen Augentäuschung und Wirklichkeit

In der Luft und im Wasser. Der Aal, der Klavierspieler,
die Molluske, das Salamanderherz: die Traktrix,
die Zissoide; Stau-, Schnitt- und Hüllkurven;
Wirbel, Flugbahnen, Diagramme . . . Kurzum, „die Welt“

ist eine Augentäuschung: Nichts sehen wir so,
„wie es ist“, und das was sich zeigt, verbirgt sich.
Immer feinere Fallen, sinnreichere Instrumente,
abstraktere Waffen.*

Wenn man das Foto aus größerem Abstand betrachtet oder es auf dem Bildschirm stark verkleinert kann man sowohl die im Gedicht angesprochenen mathematischen Kurven entdecken, sowie eine dieser Augentäuschungen zu Gesicht bekommen. Allerdings ist das mit den Pareidolien so eine Sache. Jeder hat so sein eigenes Netz an Mustern, das oft nicht verallgemeinert werden kann.
Beeindruckend an diesem Foto, also der Zweidimensionalisierung eines dreidimensionalen realen Anblicks, ist übrigens, dass die Wirkung der Dreidimensionalität z.B. des vermeintlichen Gebirgsrückens in der rechten Bildhälfte, in der dreidimensionalen Wirklichkeit ziemlich zweidimensional ist. Das ist unserem seit der Erfindung der Zentralperspektive in der Renaissance geprägten Blick zu verdanken. Ohne die Zentralperspektive wäre aber die heutige Welt eine völlig andere.


* Enzenberger, Hans Magnus; Die Elexiere der Wissenschaft, Seitenblicke in Poesie und Prosa. Frankfurt am Main 2002. S. 54

Diskussionen

20 Gedanken zu “Zwischen Augentäuschung und Wirklichkeit

  1. Zunächst ist so etwas einfach schön. Besonders, wenn ich es im Wald finde und meiner eigenen Perspektive und Fantasie freien Lauf lassen kann.
    Aber vor der zeichnerischen und fotografischen Perspektive des immer so und auch anders sichtbaren, kam ja die wörtliche „Fotografie“. Denn die soll ja sogar nach Meinung einer weltbilderzeugenden Mission schon am Anfang gestanden haben. Vor allen gemalten Bildern. Dann „malt“ man innere Narrative in den unglaublichsten Dimensionen und Perspektiven. Die Dunkelkammer ist dabei der assoziierende Hörerfotograf.

    Hauptsache, es „klingt“ verführerisch. Dafür tut man dann alles. Man glaubt – umringt von Lebenssorgen und -hoffnungen – sogar an den noch nie gesehenen, aber angeblich sorgsam umhüllenden Kosmos, den unsichtbaren unendlichen Gott, die unsichtbaren, aber furchtbarsten Höllenqualen, den grausamen -noch kommenden-Feind. Auch an den innerlich-eigenen. Das alles wissen heute weltweit Marketingagenturen und Politiker nur zu gut.

    Doch eigentlich „angeln“ wir immer im Halb-Trüben. Wir nennen es heute vornehm „Konstruktivismus“. Immer wieder werden uns neue Bilder vorgesprochen. Nur unser eigenes, das müssen wir selber malen.

    Max Stirner formulierte es 1848 in „Der Einzige und sein Eigentum“ : „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.“

    Verfasst von paulpeterheinz | 23. Februar 2022, 05:59
    • Das was wir für Wirklichkeit halten erscheint vor unserem geistigen Auge meist glatt und konsistent. Wir vergessen dabei die blinden Flecken, die mit einer ähnlichen „Technik“ wie beim blinden Fleck des Auges einfach wegpoliert werden. Alles erscheint besser und konsistenter als es ist – vielleicht ist das aber auch gut so.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. Februar 2022, 08:51
      • Manchmal gibt es Momente, in denen die Konstruktion versagt und Dir etwas entgegenwippt, wo nichts wippen kann.
        Ich denke auch, daß „das Auge“ in einer ersten „Erfassung“ Dinge feststellt, die dann rausgerechnet werden, bevor das Substrat das Bewusstsein erreicht. Dass da etwas anderes zuvor war, lässt sich bisweilen in der Analyse des Unbewussten feststellen. Der Bär, der durch das Spielfeld rennt, hat seine Spur hinterlassen.

        Verfasst von kopfundgestalt | 23. Februar 2022, 11:24
      • So kann man es sehen. Das Auge wird ja von in der Hirnforschung auch als Ausstülpung des Gehirns angesehen.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 26. Februar 2022, 15:21
      • So ist es.

        Verfasst von kopfundgestalt | 26. Februar 2022, 15:57
  2. …“vielleicht ist das aber auch gut so.“ – Ja. Grandiose Wellen eines fernen hölzernen Planeten, die Worte von Enzensberger genau passend: Herrlich!
    Gruß von Sonja

    Verfasst von wildgans | 23. Februar 2022, 10:31
  3. Lese deine Artikel immer zunächst nachts per Phone.

    Ohne die Zentralperspektive wäre aber die heutige Welt eine völlig andere.
    Das klingt spannend. Kannst Du das noch weiter ausführen?
    Das haut ja in etwa in die gleiche Schiene wie die Bemerkung, daß Sprache Denken schaffen kann.
    (Ich erwähnte z.b. die geozentrische bzw. egozentrische Raumwahrnehmung in Sprachen).

    Verfasst von kopfundgestalt | 23. Februar 2022, 11:00
    • Bin wieder im Lande. Ich nenne erst einmal nur ein Beispiel. Durch die Verinnerlichung der Zentralperspektive, die in der Renaissance wiederentdeckt wurde, war es Kopernikus gegeben, sich gedanklich in die Sonne versetzt zu denken und von das auf das Planetensystem zu schauen, womit sich aus wollknäuelartig verwobenen Planetenbahnen plötzlich einfach geschlossene Bahnen ergaben.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. Februar 2022, 15:19
  4. Feines Zitat… aus einem meiner Lieblingsbücher!
    Herzliche Grüße vom Lu

    Verfasst von finbarsgift | 23. Februar 2022, 12:26
  5. Der evolutionäre Prozess hatte sicher nicht zum Ziel, durch die Ausbildung von Sinnesorganen die Möglichkeiten zur Erkenntnis der Wahrheit und dessen, „was ist“ zu erlangen. Vielmehr ging es um bestmögliche Adaption an die Umwelt. Also nicht: „was ist da draußen wirklich?“, sondern: „was muss ich wahrnehmen, um meine Bedürfnisse optimal befriedigen zu können“. So gesehen taugt das Instrumentarium unserer Sinne nur sehr begrenzt, um Aussagen über die „Wirklichkeit“ treffen zu können. Die Möglichkeiten der modernen Pysik gehen da natürlich schon viel weiter. Aber letztlich sind wir Teil dessen, was untersucht werden soll. Und folglich auch nicht objektiviert werden kann. Was mich zu der (philosophischen) Frage verleitet, ob die Dinge nicht nur das nicht sind, was wir sehen, sondern eine solche Kategorie überhaupt nicht existiert. Will sagen: nur für einen Gott könnten die Dinge „objektiv“ so oder anders sein. Gibt es aber keinen, so fehlt die Instanz, von der aus etwas eindeutig definiert sein könnte. (Das war jetzt hoffentlich nicht zu dilettantisch formuliert…) Mich beschäftigt aber anlässlich des Zitats von Enzensberger und dem schönen Foto noch etwas anderes: ist denn tatsächlich die Fähigkeit zu räumlichem Sehen (letztlich ja ein Zusammenspiel verschiedenster Sinneswahrnehmung unter Einbeziehung der Dimension Zeit) durch die Einführung der Zentralperspektive in die abendländische Kunst maßgeblich bevördert worden? Ich hatte hier eine antropologische Fähigkeit vermutet, die dem Mensch lange vorher zur Verfügung stand.

    Verfasst von derdilettant | 23. Februar 2022, 16:40
    • Auch wenn ich deinen Gedanken weitgehend folgen kann, so steht auch das unter dem Vorbehalt, dass auch diese den Restriktionen wie unserem Erkenntnisvermögen unterliegen. Wir dürfen uns einfach nicht zu weit hinauswagen über den beschränkten helle Kreis, den wir mit unserer internen „Taschenlampe“ erhellen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 26. Februar 2022, 15:27

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