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Marginalia

Schatten, die keine sind

SchattenreflexeAuf den ersten Blick würde man sagen, dass wir hier auf die Schatten von Blättern auf der Wasseroberfläche eines Gewässers blicken. Doch bei näherem Hinsehen könnten auch Spiegelungen in Frage kommen, denn die andeutungsweise grüne Färbung der Abbildungen weist genau in diese Richtung. Dagegen spricht jedoch, dass bei einer Spiegelung der nur wenig Licht aussendenden Unterseite der Blätter die grüne Farbe kaum mehr zu erkennen sein dürfte. Der grüne Schimmer könnte vielleicht vom Boden stammen, da die Abbilder der Blätter das Wasser „durchsichtiger“ machen, als es an anderen Stellen ist und die Bodenstruktur besser erkennen lassen. In der Tat handelt es sich um Spiegelungen der Unterseite der Blätter, die allerdings kaum Licht ins Auge des Betrachters reflektieren. Licht kommt vielmehr vom Himmel, der auf der Wasseroberfläche gespiegelt wird und das Wasser durch einen charakteristischen Blauschimmer in der Transparenz einschränkt. Genauer: Das spärliche Licht vom Boden des Gewässers wird vom reflektierten Himmelslicht überstrahlt und dadurch verwässert. Da die Spiegelungen des Himmels an den Stellen der gespiegelten Blätter fehlt, stellen diese so etwas wie Gucklöcher auf den Boden des Gewässers dar. Schatten können die Abbildungen der Blätter schon deshalb nicht sein, weil das transparente Wasser keine Schatten „auffangen“ kann. Denn dazu müsste es in der Lage sein, Licht diffus zu reflektieren, um die Schatten als Löcher in dem diffusen Licht zu erkennen. Das könnte es nur, wenn es z.B. durch Schwebeteilchen getrübt wäre. Aber auch dann wären keine scharfen Schatten auf der Wasseroberfläche zu sehen, sondern Schattensäulen im Wasser. Man hätte diese ganze Argumentation sehr verkürzen können, wenn man sich gleich zu Beginn, an den fehlenden Schatten der Blätter auf den Nadelflößen davon überzeugt hätte, dass die Sonne gar nicht scheint und das Foto an einem bedeckten Tag gemacht wurde.Weiterhin fällt auf, dass den Spiegelungen nach zu urteilen einige der Blätter Löcher haben müssten, durch die Himmelslicht hindurch fällt. Rechts unten sieht man, dass sich nicht nur scheinbare Löcher in den Spiegelungen der Blätter befinden, sondern auch Fragmente der gespiegelten Blätter an Stellen auftauchen, wo sie an sich nichts zu suchen haben. Schuld sind Aufwölbungen des Wassers an den schwimmenden Tannennadeln. Die durch Grenzschichtkräfte zwischen Tannennadeln und Wasser deformierte Wasseroberfläche wirkt wie ein Zerrspiegel, wodurch Himmelslicht an Stellen reflektiert wird, wo man intakte Spiegelungen der Blätter erwartet oder Teilreflexionen von Blättern auftauchen, wo sie bei glatter Wasseroberfläche nicht sein können. Damit werden weitere, nichtoptische Fragen nahe gelegt: Wie kommt es zu den Aufwölbungen des Wassers in der Nähe der auf dem Wasser driftenden Tannennadeln. Und warum ordnen sich die Tannennadeln meist Platz sparend aneinander? Das sind Probleme, die bereits an anderer Stelle beantwortet wurden.

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Schatten, die keine sind

  1. Klasse, was Dir immer alles auffällt …

    Verfasst von ch | 9. Juli 2017, 21:37
    • Vielen Dank! Das freut mich natürlich von Jemanden zu hören, die es nicht nur versteht, auch seltene Naturphänomene aufzuspüren, sondern diese auch noch in bezaubernd schönen Fotos zu dokumentieren und in diversen Webseiten zu beschreiben vermag.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 9. Juli 2017, 22:03

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  1. Pingback: Das kleinste Haar wirft einen Schatten | Die Welt physikalisch gesehen - 7. Juni 2016

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