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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Holunderbeerenreflexe

holunderbeeren_img_8560rvGlänzende Perlen oder leuchtende Augen werden auf Gemälden oft durch einen kleinen weißen Punkt sichtbar gemacht. Davon wird in der realistischen Malerei reichlich Gebrauch gemacht. Ein Beispiel ist das in der National Gallery in London zu bewundernde Gemälde „Die Hochzeit des Giovanni Arnolfini„. Dort findet man ihn sowohl in der Gebetsperlenkette neben dem Wölbspiegel im Hintergrund als auch in den Augen des zu Füßen der Dame stehenden Hündchens.
Dies ist keine Marotte, sondern ein realistischer Effekt von glänzenden Kugeln, die stets die Lichtquelle ins Auge des Betrachters reflektieren, wo immer sie oder er auch stehen mag. Denn Kugeln bilden (bis auf einen kleinen Raum hinter der Kugel) die gesamte Umgebung ab.
Man schaue sich nach dieser Erkenntnis kugelförmige glänzende Objekte im Alltag an. Stets wird man den weißen bzw. manchmal blendend hellen Fleck erkennen und sei es auch nur auf den kleinen Holunder- oder Fliederbeeren des abgebildeten Fotos.
Die hellen Flecken haben natürlich die Form der Lichtquelle und das ist in vielen Fällen die (runde) Sonne. Dies wird aber meist nicht erkannt, weil entweder die jeweilige Kugel nicht perfekt in Form ist oder keine glatte Oberfläche besitzt. Aber auch eine von der runden Form abweichende Lichtquelle drückt sich bei näherem Hinsehen im Reflex aus.
Schaut man sich im Lichte dieser Erkenntnis beispielsweise in einer Modezeitschrift die Augen der dargestellten Models an, so wird man in ihnen oft die Form der Lichtquelle erkennen. Sie reflektieren meist keine runden sondern der professionellen Lichttechnik entsprechende längliche Lampen.

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Diskussionen

8 Gedanken zu “Holunderbeerenreflexe

  1. Ja, sehr schön.
    Ich werde mal darauf achten.

    Kennst Du „3 Sekunden“?
    Ein Graphicnovel von Marc-Antoine Mathieu, das ich einst begeistert las.
    Alles fängt mit einer Spiegelung im Auge an…

    Verfasst von kopfundgestalt | 15. September 2018, 00:12
  2. Sehr schön! Ja, es ist beim Malen immer wieder faszinierend, wie ein Gesicht einfach nur durch diese kleinen Lichtflecken in den Augen Leben bekommt. Ohne ihn wirken Gesichter oft tot. Hier geht’s natürlich vor allem um die realistische Malerei, die die Natur möglichst getreu abbilden will. Bisher war ich aber nicht ganz sicher, dass die Form des Punktes der Form der Lichtquelle entspricht. Wenn ich nun also ein Fenster im Auge erkenne, weiß ich, dass ich mich nicht täusche. 😊
    Die Arnolfini-Hochzeit habe ich mal an der Uni analysiert, aber im Hinblick auf „mise en abyme“, also die Abbildung oder in dem Fall Spiegelung des Bildes im Bild. Ein absolut faszinierendes Phänomen, wie ich finde. Besonders, wenn man anfängt, darüber nachzudenken, was passiert, wenn man zwei Spiegel einander gegenüber stellt – spiegeln sich die dann unendlich?
    Vielen Dank für deinen interessanten Beitrag!

    Verfasst von ann christina | 15. September 2018, 08:30
    • Die Arnolfina Hochzeit ist in der Tat in mehrfacher Hinsicht interessant. Sie steckt auch voller Anspielungen, die man nur verstehen kann, wenn man in Kunstgeschichte etwas bewandert ist, wie du es ja aufgrund deines Studiums bist. Wenn an der Eingangstür, die man nur im Spiegel sieht, auch noch ein Spiegel wäre, käme es theoretisch zu unendlich vielen Spiegelungen. In der Realität ist die Anzahl wegen der Unvollkommenheit der Spiegel und auch grundsätzlich drastisch begrenzt. Man müsste schon genau zwischen den Spiegeln stehen, um das zu sehen, aber dann wäre man sich selbst im Wege. Also schwierig.
      Wenn man etwas versetzt zwischen die Spiegel blickt, läuft die Kette der Spiegelungen schnell aus dem Bild heraus, wie ich es einmal in einem früheren Beitrag (unteres Bild) dargestellt habe (https://hjschlichting.wordpress.com/2016/06/13/spielend-und-spiegelnd-zum-unendlichen/).
      Es gibt Designobjekte mit Teelichtern zwischen zwei Glasscheiben, die das Licht teilweise spiegeln und teilweise durchlassen (https://hjschlichting.wordpress.com/2015/11/29/von-der-wunderbaren-vermehrung-der-kerzenflammen/). Dort kann man die Kette zwar im Prinzip gerade sehen, aber wegen der Lichtverluste ist sie auch nur begrenzt. Manchmal trifft man verspiegelte Fahrstühle an. Die geben einen sehr schönen Eindruck von der Unendlichkeit, scheitern aber schließlich daran, dass die Spiegel nicht vollständig parallel sind (https://hjschlichting.wordpress.com/2014/07/14/unendliche-spiegelfechtereien/). Also insgesamt ein sehr spannendes Thema.
      Vielen Dank für deinen Kommentar.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 15. September 2018, 14:18
  3. Das erinnert mich an meinen alten Kunstlehrer, der von dem Thema geradezu besessen schien und uns in alle Bilder Lichtreflexe hineinsetzen liess, ob Portraits oder Stilleben, selbst wo keine Lichtquelle sie bereits tatsächlich verursacht hatte, liess er sie erfinden und nachher allgemein darüber abstimmen, ob die Wirkung gelungen war oder nicht: der Mensch scheint ein innewohnendes Empfinden dafür zu haben, wo so etwas ungefähr hingehören müsste, damit es „stimmt“.

    Verfasst von puzzleblume | 15. September 2018, 10:14

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