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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Blaue Stunde

1 Ich trete in die dunkelblaue Stunde –
da ist der Flur, die Kette schließt sich zu
und nun im Raum ein Rot auf einem Munde
und eine Schale später Rosen – du!

Wir wissen beide, jene Worte,
die jeder oft zu anderen sprach und trug,
sind zwischen uns wie nichts und fehl am Orte:
Dies ist das Ganze und der letzte Zug.

Das Schweigende ist so weit vorgeschritten
und füllt den Raum und denkt sich selber zu
die Stunde – nichts gehofft und nichts gelitten –
mit ihrer Schale später Rosen – du.

2 Dein Haupt verfließt, ist weiß und will sich hüten,
indessen sammelt sich auf deinem Mund
die ganze Lust, der Purpur und die Blüten
aus deinem angeströmten Ahnengrund.

Du bist so weiß, man denkt, du wirst zerfallen
vor lauter Schnee, vor lauter Blütenlos,
todweiße Rosen Glied für Glied – Korallen
nur auf den Lippen, schwer und wundergroß.

Du bist so weich, du gibst von etwas Kunde,
von einem Glück aus Sinken und Gefahr
in einer blauen, dunkelblauen Stunde
und wenn sie ging, weiß keiner, ob sie war.

3 Ich frage dich, du bist doch eines andern,
was trägst du mir die späten Rosen zu?
Du sagst, die Träume gehn, die Stunden wandern,
was ist das alles: er und ich und du?

„Was sich erhebt, das will auch wieder enden,
was sich erlebt – wer weiß denn das genau,
die Kette schließt, man schweigt in diesen Wänden
und dort die Weite, hoch und dunkelblau.“*

Die Blaue Stunde ist keine Einbildung empfindsamer Menschen, sondern hat einen realen physikalischen Hintergrund, was nicht heißen soll, dass manche auch dann ihre Blaue Stunde erleben, wenn sie physikalisch gar nicht vorhanden ist.


* Gottfried Benn (1886 -1956)

Diskussionen

11 Gedanken zu “Blaue Stunde

  1. Ein melancholisches Gedicht,
    Wie ein ringen um sinn…

    Verfasst von kopfundgestalt | 2. Juli 2022, 00:46
  2. „Und dort die Weite hoch und dunkelblau“ wie im wunderbaren Photo eingefangen.

    Verfasst von Gisela Benseler | 2. Juli 2022, 07:26
  3. Bild und Text – kongeniales Zusammentreffen. Danke für das Benn-Gedicht, das ich noch nicht kannte.

    Verfasst von Ule Rolff | 2. Juli 2022, 09:04

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  1. Pingback: Blaue Wolken | Die Welt physikalisch gesehen - 21. August 2022

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