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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Roter Mohn

Leuchtender! Die wilden Winde
übersteht dein Leuchten nicht,
aber leih’ mir, daß ich’s binde,
dein Erglüh
en zum Gedicht.

Nicht daß davon je geblieben
wär dein Bild, das Rot darin!
Immer, was wir herzlich lieben,
geht dahin, wie Rauch dahin.*

.

.


Das Mohnblütenblatt ist eine erstaunliche Hervorbringung der Natur. Es entfaltet sich völlig zerknautscht aus der Knospe, ist dünner als Samtpapier, wiegt fast nichts, besteht aus fast nichts. Knäuelt und presst man es zwischen den Fingern zusammen, so hat man schließlich außer ein paar Tropfen roten Safts kaum etwas in den Händen. Trotzdem trotzt das entfaltete Blatt so manchen Winden, indem es kaum Widerstand leistet und sich den Luftströmungen ergibt. So gering wie seine Masse so kurz ist auch sein Dasein. Nach wenigen Tagen intensiven roten Leuchtens fallen die Blütenblätter ab und lassen eine ebenfalls schöne Samenkapsel zurück, in der sich die nächste „Lebensphase“ abspielt – Vorsorge für die kommende Klatschmohngeneration.
Manche Menschen verfallen dem Rot ebenso wie das Insekt auf dem Foto. Dennoch gilt es vielen wie auch der ebenso faszinierende Löwenzahn als Unkraut.


* Johannes Bobrowski (1917 – 1965)

Diskussionen

24 Gedanken zu “Roter Mohn

  1. wieder ein sehr schönes gedicht und eine sehr poetische betrachtungsweise von dir. danke schön.

    Verfasst von wolkenbeobachterin | 17. Juni 2021, 00:03
  2. Ein schönes Mohnfoto jagt das anderre. Ich sah heute schon eines bei Lu Finbar und gestern ein violettes bei Gerhard.Mohn blüht besonders gern auf antikem und modernem Geröll. Doch wem sag ich das.

    Verfasst von gkazakou | 17. Juni 2021, 00:24
    • Ja, das stimmt. Und ich habe mir auch kurz überlegt, ob ich nun auch in das Konzert mit einstimmen sollte. Aber ich fand das Gedicht so eindrucksvoll, dass ich es gerne teile wollte. Auffallend ist im Übrigen die Diskrepanz zwischen dem, was man normalerweise unter einer schönen Blume versteht – das sind vor allem die Züchtungen – und den in den Blogs (zumindest der Community, an der wir teilhaben) favorisierten Wildblumen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juni 2021, 08:19
  3. Das Zerknautschte findet sich überall. Käfer haben unter ihren Deckflügeln ihre eigentlichen Flügel, die platzsparend gefaltet, erst beim Flug sich aufspannen. gerade bei marienkäfern sieht man nach der landung.noch herausschauende Flügelanteile.

    Das mit dem fast-aus-nichts-bestehn scheint ein Prinzip zu sein . Dient das rot nur zum anlocken, dann kann es dürftig sein.
    Pinken mohn=Lebensmittelmohn sah ich unlängst auf einem Feld. Da war der rote etwa im Verhältnis 1:100 da.

    Verfasst von kopfundgestalt | 17. Juni 2021, 00:36
    • Stimmt, bei den Käfern mit Deckflügeln habe ich das auch schon festgestellt. Auch hier zeigen sich die besonderen Eigenschaften der Natur. Irreversible Knicke in der äußerst dünnen „Folie“ scheint es nicht zu geben. Pinker Mohn scheint sich als Lebensmittelmohn immer mehr durchzusetzen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juni 2021, 08:31
  4. Wunderschön, Foto wie Gedicht! Vielen Dank, ich mag Mohn sehr, speziell diesen Farbton. 🧡
    Morgenkaffeegrüße 😁🌞⛲☕🧊👍

    Verfasst von Christiane | 17. Juni 2021, 08:29
  5. Wie tief traurig ist dieses Gedicht von Bobrowski. Es scheint, als werde uns mit größerer Schönheit die Vergänglichkeit auch um so schmerzlicher bewusst.

    Verfasst von Ule Rolff | 17. Juni 2021, 10:14
  6. Meine Lieblingsblume im Detail wunderschön ins Bild gesetzt und sehr gut erklärt!
    Liebe Grüße von Hanne

    Verfasst von hanneweb | 17. Juni 2021, 10:26
    • Danke Hanne, ich liebe diese (übrigens giftige) schöne Blume ebenso, nicht nur wegen des schönen Rots…
      Liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juni 2021, 11:10
      • Oha, dass sie giftig sind wusste ich nicht Joachim und hätte ich auch niemals gedacht! Als Kind pflückte ich sehr gerne Mohn-sowie auch Kornblumen am Feld. Wobei ich dann traurig wurde, wenn die Blütenblatter der Mohnblumen den Nachhauseweg nicht überstanden und ich es dann irgendwann unterließ sie zu pflücken.
        Liebe Grüße, Hanne

        Verfasst von hanneweb | 17. Juni 2021, 11:29
      • Naja, man stirbt nicht gleich davon, aber wenn man denkt, man könne die kleinen Samenkörner genauso essen, wie dei von essbarem Mohn, kann man sich leicht Bauchschmerzen, Erbrechen… zuziehen. Klatschmohn in größeren Mengen verzehrt ist selbst für Weidetiere gefährlich. Daher rührt auch die Abneigung der Bauern vor den roten Blumen… Wegen der Schönheit und Zartheit der Pflanze, traut man ihnen dies offenbar nicht zu, denn es ist ja irgendwie negativ konnotiert.
        LG, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juni 2021, 11:59
      • Sehr interessant und nun weiß ich auch weshalb die Bauern immer mehr diese wunderschönen Farbtupfer in den Feldern entfernten. Aber inzwischen werden sie zumindest bei uns oft am Feld Rand stehen gelassen und auf vielen Wiesen, die nicht als Futter dienen, werden auch immer wieder Wildblumensamen gestreut, worüber ich mich sehr freue!
        Liebs Grüßle, Hanne

        Verfasst von hanneweb | 17. Juni 2021, 12:50
      • In der Tat tut sich inzwischen einiges. In Ostfriesland, wo ich mich öfter aufhalte, gibt es nicht bearbeitete Landstreifen, die inzwichen von Naturschützern mit Insektenfutter ausgestattet werden. Einige größere Steinbrocken sorgen dafür, dass dort keiner mehr parkt. Selbst Apfelbäume wurden an einer Stelle gepflanzt. Aber – wie gesagt – alles Privatinitiative…
        LG, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juni 2021, 13:29
  7. Sehr schön hast du das beschrieben. Mit dem Begriff Unkraut habe ich meine Probleme. Im Grunde genommen bin ich für die Abschaffung dieses Wortes. Schade, das ich das nicht verfügen kann. Liebe Grüße Marie

    Verfasst von mmandarin | 17. Juni 2021, 10:49
    • Danke, Marie! Auch wenn man bestimmte Pflanzen im Garten beseitigt, um ihn wenigstens im bescheidenen Rahmen zu gestalten, handelt es sich nicht um Unkraut. Du hast Recht, das sollte als Unwort des Jahrhunderts verdammt werden. Liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. Juni 2021, 11:14
  8. Poesie ! (..und das Gedicht auch 😅)

    Verfasst von Johanna | 20. Juni 2021, 10:33

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